Dr. Müllers Blog: Konflikt und Frieden

Raus aus dem individuellen Schneckenhaus

Das ist mein Blog Konflikt und Frieden. Hier geht es um die Gesellschaft. Was ist los in meinem Land? Wohin kann und soll die Reise konstruktiver gehen? Hier sind viele Fragen und nur wenige Antworten.

Gute Konzepte für meine Gesellschaft

Eine ist zum Beispiel Composite Heritage, ein Konzept, um sich mal anders und konstruktiv mit Identität auseinanderzusetzen. Vor allem macht dieser Blog deutlich, wie dicht die innere Entwicklung, die Selbstentwicklung, und die Gesellschaft mit einander verwoben sind. Vor allem die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte und den Erfahrungen meiner Eltern als „Generation 2. Weltkrieg“ wirkt weiter. Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Lernen aus der Geschichte. Ich fange gerade erst an. Das liegt daran, dass es so viel anzuschauen gab und immer noch gibt. Das Lernen hört nicht auf und das ist gut so.

Mit der Geschichte nicht Schluss machen, sondern ihr endlich ins Gesicht sehen

Eine Gesellschaft, die in ihrer Geschichte zuhause ist, kann auch in der Zukunft bestehen. Von dem Satz bin ich mehr denn je überzeugt. In meiner Geschichte ankommen heißt auch, bei Auschwitz anzukommen. Das heißt, hier zu verweilen, weil dieser Ort keine schnellen Antworten hat. Das auszuhalten und dableiben. Bei Auschwitz bleiben und im Jetzt dieser Gesellschaft heute zu sein. Die unendliche Trauer zu spüren und nicht wegzugehen. Es gibt noch keine Antworten. Nur ein paar erste Ahnungen.

Was sagt mir Auschwitz für meine Gesellschaft heute?

Ich sehe  eine Gesellschaft, in der Mehrheiten achtsam mit den Minderheiten umgehen. So achtsam, dass bei allen Konkurrenzen und Gegensätzlichkeiten die Mit-Menschlichkeit nicht verloren geht. So, dass es nie wieder so weit kommen kann, dass Mitmenschen aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und umgebracht werden. Wie man das macht und wie das dann funktioniert, das wissen wir. Wie werden wir zu einer Gesellschaft, in der das ausgeschlossen ist?

Dabei kann ein kleiner Satz helfen. Er steht ganz oben im Grundgesetz und geht so: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Im Moment empfinde ich ihn als eine Art Vermächtnis der Generation meiner Eltern. Es gab keine Stunde Null. Die Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Zeit waren gemacht und nicht mehr rückgängig zu machen. Abgründe von Lasten tun sich auf: Mitschuld am Holocaust, getötet zu haben, nicht geholfen zu haben, sich selber geschützt zu haben… selber bedroht zu sein, misshandelt, im Schützengraben, im Bombenhagel im Keller gehockt, geflüchtet, vertrieben. Die Liste ist endlos von Erfahrungen, die die Überlebenden mit in die neuen Gesellschaften in Ost- und Westdeutschland nahmen. In der Veranstaltung „Weltkriegs-Schatten“ wenden wir uns den Lasten der Elterngeneration zu und wie sie in der Generation derer, die in den 50er und 60er Jahren geboren wurden, weiter wirken. Was soll da aufhören? Worunter soll da ein Schlussstrich gezogen werden?

„Die Würde des Menschen ist unantastar.“

Dieser Satz steht neben dem Beschweigen, Verleugnen, Verdrängen der Vergangenheit. Er ist eine Lehre aus Auschwitz und weist in die Zukunft. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Was bedeutet es, wenn dieser Satz diese Gesellschaft zu durchdringen beginnt? Und Einzug hält … in die Amtsstuben… in die Redaktionen … in die Parteien …die Wirtschaft…  in die Interessenverbände und Lobbyisten… in jede Stadt, jedes Dorf…. jedes Haus.

Utopie! Wie naiv! Ich kann das Gelächter gut hören. Ja, klar.

Aber trotzdem, rein hypothetisch. Wenn man sich mal diese Vorstellung zu eigen macht. Nur die Vorstellung! Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Leben in Würde für alle in diesem Lande. Wie gesagt, eine erste Ahnung.

 

Bildnachweis: MabelAmber . Pixabay

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