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	<title>Gehinforschung Archive - Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</title>
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	<description>Coaching . Prozessbegleitung . Moderation</description>
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	<title>Gehinforschung Archive - Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</title>
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		<title>Generationslast aus der Geschichte &#8211; Etappe 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Nov 2019 11:26:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Generationslast aus der Geschichte Die Opferlast der Eltern Meine Eltern sind in einer mörderischen und verführerischen Gesellschaft aufgewachsen. Sie hätten etwas Besseres verdient! Ich beginne zu erspüren, was sogar bei mir davon fühlbar ist. Bei mir, ihrer Tochter, und schon eine Generation weiter. Ich beginne, die Generationslast aus der Geschichte bei meinen Eltern zu sehen.  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/generationslast/">Generationslast aus der Geschichte &#8211; Etappe 4</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1>Generationslast aus der Geschichte</h1>
<h3>Die Opferlast der Eltern</h3>
<p>Meine Eltern sind in einer mörderischen und verführerischen Gesellschaft aufgewachsen. Sie hätten etwas Besseres verdient! Ich beginne zu erspüren, was sogar bei mir davon fühlbar ist. Bei mir, ihrer Tochter, und schon eine Generation weiter. Ich beginne, die Generationslast aus der Geschichte bei meinen Eltern zu sehen. Zunächst sehe ich ihre Last als Opfer eines mörderischen Systems.</p>
<h3>Die Generationslast aus der Geschichte blieb mir lange verborgen</h3>
<p>Dieser Schritt beginnt auf der Rückkehr von einem Seminar in der Fortbildung zum <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ifs</a>-Coach. Es geht um Trauma und Traumabearbeitung. Auf der Heimfahrt kann ich quasi zuschauen, wie der Groschen pfennigweise fällt. Kann es sein&#8230;. kann es sein, dass ich mit Menschen groß geworden bin, die in ihrem Leben ein Trauma durchlebt haben? Etwas in mir sagt: Natürlich, wie blöd kann man sein&#8230;.? In meinem Kopf war der Gedanke immer schon denkbar. Der Unterschied jetzt ist, dass diese Möglichkeit eine Empfindung in meinem Körper auslöst. Aus dem ifs weiß ich: Da fühlt sich eine Erfahrung angesprochen &#8230; und beginnt zu antworten.</p>
<h4>Großwerden mit Bomben und Verlust: Generationslast meiner Mutter</h4>
<p>Welche Spuren hat die Erfahrung des Krieges bei meiner Mutter hinterlassen? 1939 war sie 14, 1945 wurde sie 20. Meine Mutter erinnert die Bombennächte im Keller und dass sie sich vorgenommen hat, ihr Herz an keinen Jungen zu vergeben, die im Krieg verschwanden.</p>
<h4>Erwachsenwerden mit dem Töten und Sterben: Generationslast meines Vaters</h4>
<p>Mein Vater ist mit 16 zur Polizei gegangen und wurde von dort eingezogen. Von 1942 bis Kriegsende war er Soldat an der Ostfront. Über das Regiment meines Vaters gibt es, so erfahre ich jetzt, ein Buch<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a>. Drei Dinge aus dieser Lektüre brennen sich mir ein: Ein Leben im Dauerstress im Schützengraben. Kameradschaft erleben oder untergehen. Eine gnadenlose entweder-oder-Situation. Und das über Jahre. Zum Schluss verfranselt das Buch in lauter einzelne Begebenheiten, von denen die Überlebenden noch berichten konnten. Ein Regiment gab es da schon nicht mehr, es war aufgerieben und zerrissen im dauernden Rückzug.</p>
<h4>Der Vorhang hebt sich &#8211; die Generationslast wird spürbar</h4>
<p>Mein Vater erzählte nicht viel und Verschiedenes an verschiedene Leute über den Krieg. Eine Erzählung geht so:  Er habe als MG-Schütze immer über die Köpfe der Angreifer hinweg geschossen. Nach der Lektüre der Regimentsgeschichte begreife ich, dass das nicht stimmen kann. Das hätte er nicht überlebt und die Kameraden auch nicht.</p>
<p>Und dann kommt der Abend, an dem bisherige blinde Flecken einer Erkenntnis weichen, die mich zutiefst erschreckt.  Ich schaue mal wieder in das Soldbuch meines Vaters. Schon seit vielen Jahren hatte ich es immer mal wieder  in der Hand und drin geblättert und gelesen. An diesem Märzabend, es ist der 10.3.2017, schaue ich es mir wieder an. Ich lese mal wieder, dass es einen Nahkampfeintrag vom 11.3.1943 gibt.</p>
<p>Der 11. März, das ist der Geburtstag meines Vaters! Das war sein 20. Geburtstag!</p>
<p>Nahkampfeintrag!</p>
<p>Das heißt, er hat an diesem Tag aus nächster Nähe einen anderen Soldaten getötet. Da ist er 19, wird gerade 20! Männer mit 19 &#8211; das sind für mich große Jungen! Spüren, was man liest ist was anderes als lesen und nix verstehen&#8230;</p>
<h4>Die Generationslast wird in den eigenen Knochen spürbar</h4>
<p>Der nächste Morgen ist der Geburtstag meines Vaters <strong>und</strong> der Jahrestag dieses Ereignisses. Damals hieß es für ihn: Er oder ich.</p>
<p>Ich sitze an diesem Tag beim Frühstück und denke: Ohne das Töten meines Vaters an diesem und an späteren Tagen säße ich jetzt nicht hier&#8230; Wie kann es sein, dass ich das wieder und wieder gelesen habe und nichts dabei gefühlt habe? Nun sitze ich da und bin ein bisschen zittrig. Denn um ein Haar hätte es mich gar nicht gegeben. Und auch mich gibt es nur deswegen, weil es die Kinder des russischen Soldaten nicht geben konnte, den mein Vater getötet hat.</p>
<h3>Jede Generation trägt ihre eigene Last &#8211; und verdient Mitgefühl dafür</h3>
<p>Überrascht stelle ich in der Folgezeit fest, wie sich meine Perspektive auf die Generation meiner Eltern verändert. Ich sehe sie immer mehr als die Heranwachsenden, die sie damals waren. Als junge Leute, die in diesem Irrsinn irgendwie überleben wollten. Ich sehe mich weniger als das Kind dieser Personen, sondern als die Erwachsene, die ich jetzt bin. Mit den jungen Leuten von damals habe ich ein großes Mitgefühl.</p>
<p>Nun will ich genauer wissen, wo mein Vater war.</p>
<p>Ich recherchiere nach seiner Einheit und besorge mir die Regimentsgeschichte, in der Hoffnung, irgendwas &#8211; ja was? &#8211; zu finden.</p>
<p>Dann starte ich eine Nachfrage bei der Wehrmacht-Auskunftsstelle nach den Aufenthaltsorten meines Vaters im Krieg. Das hatte ich &#8222;eigentlich&#8220; schon immer vorgehabt, mich aber nie getraut. Nun ist es so weit, ich kann es tatsächlich tun, denn nichts in mir schiebt das immer wieder auf.</p>
<p>Heute, mehr als zwei Jahre nach dieser Aktion, warte ich immer noch auf Antwort. Die Zahl der Nachfragen sei immer noch immens hoch, erläutert man mir im Bundesarchiv, das diese Nachforschungsaufgabe übernommen hat. Mich wundert das nicht.</p>
<h4>Der Generationslast ins Auge sehen &#8211; Respekt erweisen durch Erinnern</h4>
<p>Die Anfrage bei der WAST (Wehrmacht-Auskunftsstelle) gibt mir das Gefühl, dass ich im Erinnern meinen Respekt bezeugen kann. Wenn irgendwann die Antwort kommt, dann kann ich bezeugen, dass auch ich weiß, was geschehen ist:  Gegenüber meinem Vater, aber auch denen gegenüber, die durch seine Hand umkamen und nicht wieder nach Hause kamen, um eine Familie zu gründen&#8230;</p>
<p>Ich kann deren Ausweglosigkeit besser nachfühlen und beginne tiefer zu verstehen, wie viel Lebenskraft und Lebenschancen sie in dieser Zeit verloren haben.</p>
<h3>Generationslasten in sich selber entdecken und sie ablegen</h3>
<h4>Die Löcher  im eigenen Leben schließen</h4>
<p>Ja, meine Eltern hätten ein Land ohne Krieg und ohne Holocaust gebraucht und verdient. Was für ein anderes Leben hätte das sein können!  Wie sich ein Land ohne Krieg anfühlt, das nehme ich aus einer &#8222;Pesso&#8220;-Strukturaufstellung mit<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[2]</a>. Das ist eine &#8211; in meinem Fall &#8211;  äußerst schnell wirksame und nachhaltige Form, um das im Körper gespeicherte Wissen für Problemlösungen zu nutzen. In diesem Fall führt mich mein Körperwissen an den Punkt, an dem Lasten meines Vaters zu meiner wurden.</p>
<h4>Der Körper erkennt die Generationslast</h4>
<p>Auf diese Körperarbeit werde ich &#8211; zufällig und offenbar für diesen Schritt gerade rechtzeitig &#8211; aufmerksam, als ich das Buch von Bessel van der Kolk<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[3]</a> lese. Das ist ein Traumaforscher in den USA, Sohn eines holländischen Widerstandskämpfers. Bei dem Versuch, Menschen von ihren Traumata zu befreien, hat er immens viel ausprobiert. Dafür überspringt er als Mediziner furchtlos Standesschranken und folgt jedem Pfad, der Erfolg verspricht. Das führt ihn auch zur Pesso-Therapie, benannt nach dem Gründer dieser Therapiearbeit.  Van der Kolks Buch &#8222;Der verkörperte Schrecken&#8220; hat zwar einen furchtbaren Titel, aber eine äußerst wohltuende Botschaft. Denn selten las ich von einem Fachmann ein heilsameres (und einfach zu lesendes!), mitfühlenderes und hoffnungsvolleres Buch über den Umgang mit belastenden Erfahrungen.</p>
<p>Als ich dort die Seiten über die Pesso-Strukturaufstellungen lese, komme ich mir vor, als sei ich mittendrin. Für mich ist das immer ein Zeichen, dass das für mich passt. Acht Wochen später habe ich einen freien Platz in Freiburg ergattert und kann mitmachen. Einen Tag beschnuppere ich Gruppe und Therapeutin, und am zweiten Tag darf ich mit meinem Thema den noch freien Platz in der Mitte einnehmen. Da mein Inneres sich einen Tag angeguckt hat, wie das hier alles so abläuft, kommt in der Sitzung ein Thema auf den Tisch, von dem ich nicht wusste, wie sehr es <em>mir</em>, der Tochter, noch in den Knochen steckt.</p>
<h4>Wie die Generationslast der Eltern versorgt wird&#8230;</h4>
<p>An diesem Tag geht es vor allem um die Belastungen und die Beschränkungen meines Vaters. Sein gesamter Lebensweg war eingezwängt in die aufgewühlte Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Oberschlesien. Selber eigentlich noch ein Schulbub, wird er Soldat. Danach ist er ein Flüchtling, lange Jahre ohne Bindung an seine &#8222;kalte Heimat&#8220;. Eigentlich hatte er etwas ganz anders aus seinem Leben machen wollen. &#8230;</p>
<p>Das Bild vom Land ohne Krieg löst in mir ein inneres Erdbeben aus. Was alles hätte sein können! Was für eine Weite und Freiheit &#8211; und wie heilsam. Ich gönne ihm das. In meinem Inneren setze ich meinen Vater in dieses Land.</p>
<h4>&#8230;eine alte Wunde aus der Generationslast schließt sich&#8230;</h4>
<p>Begeistert und erleichtert stelle ich in dieser Sitzung fest, dass sogar noch hier und heute für die vorangegangenen Generationen gesorgt werden kann. Und dann kann ich diesen inneren Sack zubinden. Denn es ist nicht meine Angelegenheit. Es ist, als schließt sich eine bis dahin offene Wunde. Vielleicht habe ich als Kind die Traurigkeit meines Vaters gespürt und wollte doch, dass er froh ist. Was man sich als Kind halt so vorstellt&#8230;</p>
<p>An diesem Tag jedenfalls bekommt meine Erinnerung an meinen Vater und seine Bürde eine neue  <em>gespürte</em> Erfahrung an die Seite gestellt. Nämlich wie es gewesen wäre, wenn für ihn rundum gut gesorgt worden wäre, von seiner Familie, von seiner Gesellschaft &#8211; aber nicht von mir! Und wie er sich als junger Mensch entsprechend seiner Fähigkeiten hätte entfalten können, ohne die Erfahrung mit Krieg und Holocaust machen zu müssen. Ohne diese Erfahrungen hätte er eine viel entspanntere und lebensfrohere Vaterrolle leben können als es ihm tatsächlich möglich gewesen war.</p>
<h4>&#8230; und bringt nachhaltige Entlastung für mich selber</h4>
<p>Danach erlebe ich mich auf Dauer entspannter. Ein Stück meiner Familiengeschichte fühlt sich anders an, irgendwie besser sortiert. Es ist so, als würden die Aufgaben meiner Eltern klarer bei ihnen und meine klarer bei mir sein. Ich kann besser anerkennen, dass da Grenzen bei meinen Eltern waren, dass manches nicht gepasst hat, wie ich es gebraucht hätte. Gleichzeitig wird mein Blick auf die Generation meiner Eltern mitfühlender.</p>
<p>Ich werde nie begreifen können, welche Traumatisierungen ein durchlebter Krieg für die Betroffenen bedeutet. Aber es wird mir immer klarer, dass das hier keine individuelle Aufgabe ist.</p>
<h3>Was ist meine Generationslast?</h3>
<p>Bettina Alberti <a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[4]</a> spricht in ihrem Buch &#8222;Seelische Trümmer&#8220; so schön von dem Seelenraum, den diejenigen verschlossen, die den Krieg erlebt hatten. Sie schreibt: <em>&#8222;Die Kriegstraumatisierung dieser Zeit brachte viele Eltern dieser Zeit dazu, der Seele ihrer Kinder nicht begegnen zu können, was bei diesen Selbstverleugnung, Einsamkeit und Lebensangst bewirkte.&#8220;</em> (Alberti, S. 10f.) Das finde ich ein passendes Bild für diese tragische Situation zwischen diesen beiden auf einander folgenden Generationen. Alberti unterstreicht, welche immense Bedeutung das für eine Gesellschaft hat.</p>
<h3>Wieso das Spüren so wichtig ist</h3>
<p>&#8222;Die Sprache der Seele will wiedergefunden, der innerseelische Krieg beendet werden“, schreibt Alberti (S. 12). Der Schlüssel dazu ist das Spüren können bzw. das-wieder-spüren können. Alberti unterstreicht, wie wichtig das ist: <em>&#8222;&#8230; Ohne selbst zu fühlen können wir nicht mitfühlen. Menschen, die sich selbst seelisch betäubt und innerlich leer erleben, können nur schwer spüren, was andere emotional bewegt.</em>&#8220; (S. 109).</p>
<p>Erst allmählich begreife ich, dass es genau das ist, was mich auf meinem inneren Weg führt. Da ist etwas in mir, das sich spürend, mitfühlend und &#8211; wissend &#8211; fortbewegt. Diese Etappe lehrte mich, dass dieses Wissen Generationen umfasst.</p>
<h3>Die Generationslast der Täterschaft wartet auf mich</h3>
<p>Jedenfalls bin ich sehr froh über die Verbindung, die ich zum Schicksal meiner Eltern gefunden habe. Andererseits schäme ich mich fast dafür. So, als sei es mir als Deutscher verboten, mich dem Opfersein der Elterngeneration mitfühlend zuzuwenden &#8211; ohne sofort zu unterstreichen, dass damit der Holocaust nicht relativiert werden soll. Es gibt da so etwas wie ein schlechtes Gewissen darüber, dass sich mein Mitgefühl zunächst den Menschen zugewandt hat, die mir am nächsten stehen. Dazu kann ich in diesem Moment nur sagen, das ist jetzt so.</p>
<p>Gleichzeitig bemerke ich Unruhe in meinem Inneren. Monatelang rumort es dort, und es wird immer deutlicher:   In meinem deutschen Erbe steckt noch mehr. Doch das, was gesehen werden will, muss sich seinen Weg noch bahnen.</p>
<p>Das, was in mir rumort, hat offensichtlich ein sehr heißes Eisen angefasst. Schlechte Laune und böse Vorahnungen kreisen dort, aber nichts wird greifbar. Damit ich das besser verstehen und damit umgehen kann,  braucht mein Verstand jedoch eine Möglichkeit, dieses Vage in Worte zu fassen. Gespräche mit zwei Menschen bahnen schließlich den Weg. Dieser führt mich an den Ort, wo in meinem Inneren Auschwitz ist.</p>
<h3><strong>Die bisherigen Etappen im Überblick</strong></h3>
<p>Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/">Einleitung</a></p>
<p>Identität und Deutschsein: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/">Etappe 2</a></p>
<p>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden:  <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/">Etappe 2</a></p>
<p>Ankommen in der eigenen Geschichte: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/">Etappe 3</a></p>
<h3>Literatur:</h3>
<p><em>Bettina Alberti/Anna Gamma</em>, Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren; die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas, 7. Aufl., München 2014.</p>
<p><em>Bessel A.</em> <em>van der Kolk</em>, Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, 3. Auflage, Lichtenau Westf. 2016.</p>
<p>Die Geschichte eines Infanterieregimentes 1939-1945, herausgegeben von <em>W. Schmidt</em> 1961.</p>
<p>http://www.pesso-institut.de/ zur Pesso-Arbeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Die Geschichte eines Infanterieregimentes 1939-1945, herausgegeben von <em>W. Schmidt</em> 1961.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[2]</a> Barbara Fischer-Bartelmann, Pesso-Therapeutin. Näheres zur Pesso-Strukturarbeit s. <a href="http://www.pesso-seminare.de/">www.pesso-seminare.de</a></p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[3]</a> <em>Bessel A.</em> <em>van der Kolk</em>, Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, 3. Auflage, Lichtenau Westf. 2016.</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3"></a><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[</a><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">4]</a> S. dazu <em>Bettina Alberti/Anna Gamma</em>, Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren; die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas, 7. Aufl., München 2014, S. 10f:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/generationslast/">Generationslast aus der Geschichte &#8211; Etappe 4</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; Etappe 3</title>
		<link>https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Nov 2019 15:57:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ankommen in der eigenen Geschichte Wer bin ich als Deutsche? Wer gehört zu mir? Ich will darauf meine eigenen Antworten finden! Doch das Ankommen in der eigenen Geschichte ist gar nicht so einfach. Hier beginnt meine Reise: Ich wäre gerne in meiner Geschichte zu Hause. Ich wüsste gerne, wo ich herkomme. Dann würde es mir vielleicht  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1 class="western" lang="en-GB" style="text-align: left;" align="CENTER">Ankommen in der eigenen Geschichte</h1>
<p lang="en-GB">Wer bin ich als Deutsche? Wer gehört zu mir? Ich will darauf<em> meine eigenen</em> Antworten finden! Doch das Ankommen in der eigenen Geschichte ist gar nicht so einfach.</p>
<p>Hier beginnt meine Reise: Ich wäre gerne in meiner Geschichte zu Hause. Ich wüsste gerne, wo ich herkomme. Dann würde es mir vielleicht leichter fallen, meinen eigenen Platz klar und vertrauensvoll zu benennen.</p>
<p>Die ersten Menschen, die auf dieser Reise in mein Blickfeld geraten, das ist meine Familie.</p>
<p>Schaue ich auf ihre Geschichte, dann sehe ich eine Geschichte voller Löcher. Von der Familie meiner Mutter gibt es viele alte Fotos. Was sie im Krieg gemacht haben und wo sie waren, das ist im Wesentlichen bekannt. Anders sieht es auf der Seite meines Vaters aus. Seine ganze Familie floh aus Oberschlesien. Insbesondere die Fluchtgeschichte meiner Verwandten liegt völlig im Dunkeln.</p>
<h3>Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; bei mir selber!</h3>
<p class="western" lang="en-GB">Bei näherem Hinsehen bin ich sogar in meiner eigenen Geschichte nicht überall wirklich zu Hause. Beispielsweise war ich Jahrzehnte lang in der Friedensbewegung aktiv. In den ersten Jahren meiner Aktivistinnenzeit kam der folgende Satz aber nicht über meine Lippen: &#8222;Ich bin in der Friedensbewegung aktiv.&#8220; Diese Hemmung habe ich lange nicht bemerkt, bis ich irgendwann spürte, wie sich meine Zunge gerade verknotete, als dieser Satz herauswollte. Diese komische körperliche Reaktion machte mich stutzig. Beim Nachdenken fiel mir der Zusammenhang ein. Seit der Schulzeit war das Wort &#8222;&#8230;bewegung&#8220; vollständig besetzt mit &#8222;nationalsozialistische Bewegung&#8220;.</p>
<h4 lang="en-GB">Ein furchtbares Erbe trennt mich von meiner Geschichte</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Die Vorstellung, Teil einer Bewegung zu sein, löste in mir die folgende automatische Gedankenkette aus: vereinnahmt, manipuliert, missbraucht, fremdbestimmt. Einen Zugang zu anderen Bewegungen in der Geschichte meiner Gesellschaft, wie z.B. die Wandervogelbewegung oder Arbeiterbewegung, gab es zwar gedanklich, aber nie gefühlt. Ebenso waren Volkslieder für mich unsingbar, obwohl ich sowohl Texte als auch Melodien teilweise sehr schön fand. Ich sah vor meinem geistigen Auge Braunhemden mit Hitlergruß diese Lieder schmettern, und mir blieben sie im Halse stecken.</p>
<h4 lang="en-GB">Mein Ankommen in der eigenen Geschichte folgt seinem ganz eigenen Pfad</h4>
<p lang="en-GB">Rückblickend fällt mir auf, wie merkwürdig die Schritte meiner Reise auf einander folgten. Zuerst hat mich offenbar bewegt, dass ich sowenig über das wusste, was meinen nächsten Angehörigen widerfahren war. Aber ich tat auch weiterhin nichts dafür, um das genauer rauszufinden&#8230; Stattdessen ging mir auf die Nerven, wie wenig ich selber in meiner eigenen Geschichte zuhause war. Hier steckten zuallererst der Wille, den Gespenstern der Vergangenheit ins Gesicht zu schauen. Von dieser Begegnung erzählt dieser Beitrag.</p>
<h2 class="western" lang="en-GB">Ankommen</h2>
<h2>in</h2>
<h2>der eigenen</h2>
<h2>Geschichte</h2>
<h3 lang="en-GB">Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; und damit in der deutschen Geschichte</h3>
<p lang="en-GB">In Bangladesh hatte ich ja erstmals genauer die <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/">Widerstände</a> gegen meine Identität als Deutsche kennengelernt. Dort begegnete ich aber auch meiner Sehnsucht. In ihr war der Wunsch, dass es in dieser meiner Kultur doch etwas geben möge, zu dem ich aus vollem Herzen ja sagen könnte. Eine Sehnsucht nach Verbundenheit mit einer größeren Gemeinschaft, eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit.</p>
<p lang="en-GB">Das Konzept von <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Composite Heritage</a>, das ich in Bangladesh kennenlernte, gab mir eine gute Orientierung für meine weitere Suche. Ich wusste, dass Kultur übelst missbraucht werden kann und dass man sich aber auch von Missbrauch distanzieren und befreien kann.</p>
<p lang="en-GB">Es dauerte noch vier Jahre, bis der Schritt reif war, von dem hier die Rede ist.</p>
<p lang="en-GB">In dieser Zeit lernte ich aus den Büchern von Sabine Bode<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>1</sup></a>, dass selbst wir, die Nachgekommenen, von den Nachwirkungen von Holocaust,  Nazizeit und Krieg kollektiv betroffen sind. Auf einmal verknüpfte sich meine Familiengeschichte tiefgreifend mit der Geschichte meiner Gesellschaft.</p>
<p lang="en-GB">Es war vor allem der Blick in meine eigene Unbehaustheit, der den Ausschlag gab. Ich wollte mich von diesem ererbten Missbrauch meiner Kultur nicht mehr weiter abhalten lassen, herauszufinden, wer ich als Teil dieser deutschen Gesellschaft bin! Mittlerweile hatte ich durch die Arbeit mit dem <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Inneren Familiensystem</a> sehr viele widerständige Teile in meiner individuellen Innenwelt kennen gelernt. Was sich für meine persönlichen Fragen bereits bestens bewährt hatte, müsste doch jetzt auch auf der gesellschaftlichen Ebene funktionieren.<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote2anc"><sup>2</sup></a></p>
<p lang="en-GB">Eines Tages war es so weit.</p>
<h3 lang="en-GB">Ich will &#8222;meine Gemeinschaft&#8220; wiederhaben</h3>
<p lang="en-GB">Normalerweise moderiere ich Gruppen und leite die Teilnehmenden an, anhand bestimmter Leitfragen über einzelne Fragen zu reflektieren. Da habe ich inzwischen ein gut sortiertes Köfferchen. Nun war ich meine eigene Kundin: Premiumkundin mit Einzelstunde sozusagen. Aus dem Set der Übungen zu Composite Heritage suchte ich mir eine heraus, die sich mit positivem und negativem Composite Heritage beschäftigt.  Ich hatte mir vorgenommen, ein Kulturgut näher zu ergründen, das ich gut fand. Ich fand das Wort: Gemeinschaft.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Doch, das klang gut. Gemeinschaft ist ein Kulturgut, das mir wichtig ist. Also: Was fiel mir denn zu Gemeinschaft ein?</p>
<p class="western" lang="en-GB">Ich sammelte Assoziationen auf einem Blatt Papier. Meine spontanen emotionalen Reaktionen dazu hielt ich ebenfalls fest. Als <i>Nachbarschaft</i> konnte ich Gemeinschaft  gut aushalten. &#8222;<i>Dorfgemeinschaft</i>&#8220; ging schon nicht mehr, das klang bereits zu sehr nach <i>Volksgemeinschaft</i>, <i>Blockwart</i> und <i>Bespitzelung</i>. Aber ich wollte sie wiederhaben, &#8222;meine&#8220; Gemeinschaft. Ich wollte mich mit einer Vorstellung von Gemeinschaft positiv verknüpfen können. Es musste doch &#8211; Teufel auch &#8211; irgend etwas Gutes übrig geblieben sein von &#8222;Gemeinschaft.&#8220;</p>
<h4 lang="en-GB">Gemeinschaft, das ist wer zu mir gehört jenseits der Familie!</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Aber es hakte und ging nicht weiter mit dem Begriff &#8222;Gemeinschaft&#8220;. Nichts Positives konnte sich angesichts dieser geballten Widerstände zeigen. Also versuchte ich einen Umweg und stellte nach Innen die Frage: Was ist denn für mich <em>das Bedeutsame</em> an Gemeinschaft? Darauf kamen wieder richtig gute Anworten, der Kontakt nach Innen war wieder her gestellt.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Die Antworten darauf waren diese: <i></i></p>
<ul>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Wer bin ich und wer gehört zu mir &#8211; jenseits meiner Familie? </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Ich will ein Verständnis von Gemeinschaft spüren, mit dem ich einverstanden bin und mit dem ich mich identifizieren kann. </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Zu dem ich aus vollem Herzen JA sagen kann. </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Ich will hier sprachfähig werden, sprechfähig. </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Ich will es positiv ausdrücken und nicht rumdrucksen.</i></li>
</ul>
<p class="western" lang="en-GB">So, nun war mein eigener innerer Auftrag richtig benannt.</p>
<h4 class="western" lang="en-GB"><b>Das innere Ringen um Gemeinschaft in einem positiven Sinne</b></h4>
<p class="western" lang="en-GB">Sofort merkte ich: Ja, es gibt positive Inhalte zu <em>diesem Verständnis</em> von Gemeinschaft in meinem Inneren. Sie brauchen aber jetzt einen freien Raum und ein bisschen Ruhe, damit sie auftauchen können. Der innere Widerstand mit seinen Nazi-Filmen stand schon bereit&#8230;</p>
<p class="western" lang="en-GB">Dank allem, was ich im <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ifs</a> gelernt hatte, gelang es, den Widerstand  zu beruhigen und ihm zu versichern, dass er mit Sicherheit Gehör finden würde. Es funktionierte! Mein Widerstand vertraute mir und machte Platz.</p>
<p class="western" lang="en-GB">In der nun eintretenden Stille erschienen auf der positiven Seite:</p>
<ul>
<li>
<p lang="en-GB">Gemeinschaftssinn,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Solidarität,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Gemeinnutz vor Eigennutz,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">auf einander Acht geben,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">die Kraft einer Gemeinschaft spüren,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">die wunderbar flache Hierarchie in einer Gemeinschaft erleben.</p>
</li>
</ul>
<p lang="en-GB">Für einen kurzen Moment konnte ich genau spüren, wie gut sich das alles anfühlte! Boa! Jaaaa, will ich haben!</p>
<h4 lang="en-GB">Die negative Seite von Gemeinschaft</h4>
<p lang="en-GB">Dann flutete der Widerstand diesen Raum und nix wurde mehr gut gespürt. Aber jetzt kam der Widerstand genau richtig, denn ich brauchte seine negativen Aspekte. Ich schrieb mit, was mir in den Sinn kam und wie bei einem schnellen Diktat sprudelte es hervor.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Es tauchten auf der negativen Seite auf:</p>
<ul>
<li>
<p lang="en-GB">angemaßte Definitionsmacht, wer dazu gehört und wer nicht</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Manipulation</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Abwertung</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Gewalt</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Einschüchterung</p>
</li>
</ul>
<p class="western" lang="en-GB">Und ich erkannte: <i>Genau so </i>haben die Nazis Gemeinschaft hergestellt! Die einen integriert und manipuliert, die anderen gewaltsam und brutal aus der Gemeinschaft vertrieben.</p>
<h4 lang="en-GB">Ankommen in der Geschichte der &#8222;Nationalsozialisierung&#8220;</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Diese Mischung aus Sog und Integration der &#8222;Volksgenossen&#8220; einerseits und &#8222;Ausmerzung&#8220; der &#8222;Volksschädlinge&#8220; andererseits ist brillant beschrieben worden. In ihrem Buch &#8222;Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben&#8220; gelingt es Sönke Neitzel und Harald Weltzer, die ersten Jahre der Naziherrschaft in Deutschland, aus einer ungewohnten Perspektive zu beschreiben. Gewöhnlich schauen wir vom Ende her und fragen: Wie hat es soweit kommen können? Warum haben sich nicht alle gewehrt?! Nur: Das Ende kannten die Menschen 1933 nicht, 1935 nicht und auch später nicht. Neitzel und Weltzer schaffen es, den &#8222;Prozess der Nationalsozialisierung&#8220; einzufangen. Dabei folgen sie der Frage: Was ändert sich (für wen) und was bleibt gleich? Faszinierend und erschreckend zugleich, wie einfach es war für die (vermeintlich) &#8222;Dazugehörenden&#8220; dieser &#8222;Gemeinschaft&#8220;, ein ganz normales Leben in einer aufregenden Zeit zu leben und sich unmerklich dem Mainstream anzugleichen und von den Vorteilen zu profitieren. &#8230;<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>3</sup></a>.</p>
<h4 lang="en-GB">Die Erfahrung des Missbrauchs: Besser keine Gemeinschaft als wieder verraten zu werden</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Kein Wunder, dass sich gegen so etwas alles wehrte. Zu Recht! Ich dankte meinen Widerständen, dass sie mich davor zu schützen versuchten, indem sie die Tür gänzlich zusperrten. Wie hätten sie es anders wissen können? In meiner Familie herrschte Schweigen über die Zeit. Die Botschaft an gesellschaftliches Engagement war: &#8222;Da hält man sich besser raus!&#8220; Und genauso hatte ich es über lange Jahre gemacht. Ich hatte mich aus Debatten über die Frage raus gehalten, zu wem ich mich zugehörig fühle. Ein Ankommen in meiner eigenen Geschichte bedeutete nun aber auch, diesen Aspekten ins Auge zu sehen.</p>
<h3 lang="en-GB">Der Missbrauch wird zurück gegeben</h3>
<p class="western" lang="en-GB">Nun konnte ich weiter gehen. Aus dem Composite Heritage wusste ich, dass ich zwischen dem, was an einem Kulturgut negativ ist und dem, was daran positiv ist, unterscheiden konnte. Dies tat ich. Ich beanspruchte <em>meine Gemeinschaft in einem Menschen verbindenden Sinn</em> für mich.  Die angemaßte Definitionsmacht, Manipulation, Abwertung, Gewalt und Einschüchterung schied ich daraus aus. Diese Aspekte des Missbrauchs von Macht und der Manipulation von Gemeinschaft gab ich mit einem Ritual aus der Aufstellungsarbeit an &#8222;die Nazis&#8220; zurück.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Dieser rein symbolische Akt der inneren Distanzierung entfachte eine immense emotionale Reaktion.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Ich spürte, wie eine ungeheure Wut über diesen unfassbaren Missbrauch in mir aufstieg.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Es wurde mir deutlich, wie sehr das &#8222;Ausgemerzte&#8220; zu meiner Gemeinschaft gehörte. Wie viel Leid ist mit diesem Missbrauch von Gemeinschaft verbunden gewesen. Es war auf einmal ein Schmerz über diesen ungeheuren Verlust da und er durfte sein. Trauer stieg in mir auf. Auch sie durfte sein. Diese lange verborgenen Gefühle zogen eine Weile durch mich hindurch.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Denn auch das wusste ich aus der inneren Arbeit: Ich hatte einen lange verborgenen See von Tränen erreicht und er durfte abfließen. Denn: heute ist anders. Aber alter Schmerz durfte endlich gespürt und gehalten werden.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Das ändert nichts an dem, was geschehen ist.  Was geschehen ist, ist vorbei. Da gibt es nicht zu deuteln, auch nichts mehr wieder besser zu machen. Das einzige, was sich ändern kann, ist mein inneres Echo und wie dieses meine Zukunft bestimmt. Wenn Gemeinschaft unter den Nazis so war, dann heißt das nicht, dass es nicht auch andere Gemeinschaften geben kann. Gemeinschaften, die ohne Ausgrenzung, Abwertung und Manipulation auskommen. So. Darum geht es. Um nichts sonst.</p>
<h4 lang="en-GB">Meine Gemeinschaft. Wie sieht sie nun aus? Wer gehört dazu?</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Nach einer Weile beruhigten sich die Gefühle in meiner Innenwelt. Neues tauchte auf. Es kam mir ein bisschen so vor, als ob ich gerade neu hier ankomme und Boden unter meine Füße bekomme.</p>
<p class="western" lang="en-GB">&#8222;So!&#8220; sagte etwas in mir: &#8222;Meine Gemeinschaft. Wie sieht sie nun aus? Wer gehört dazu?&#8220;</p>
<p class="western" lang="en-GB">Wie immer kam die Antwort auf solche Fragen aus der inneren Stille. Warten reicht. Es kommt schon. Und dann klärte es sich mit einem neuen Gedanken und es hieß ganz einfach: <em>&#8222;Wer da ist, gehört dazu!&#8220;</em> Nicht nur, wer immer schon hier gelebt hat. Oder wer einzelne Werte oder Überzeugungen mit mir teilt. Wer zufällig meine Sprache spricht oder meine Staatsangehörigkeit teilt. Oder wer seine Definition von Gemeinschaft anderen aufs Auge drücken will.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Seitdem weiß ich:<em><b> Meine</b> Gemeinschaft reicht viel tiefer</em>. Ich spürte sie damals zum ersten Mal und wusste auf einmal, dass unter allem, was trennt, eine Mitmenschlichkeit liegt, die uns alle verbindet.</p>
<h4 lang="en-GB">Als sich der erste Sturm legt</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Am Ende dieser Übung war ich erstaunt, wie entspannt ich mich nun positionieren konnte. Diesmal sang ich  &#8222;mein&#8220; erstes Volkslied, entspannt, mit klarer Stimme. Ich weiß seitdem auch, dass &#8222;meine Gemeinschaft&#8220; kein Zuckerschlecken ist sondern harte Auseinandersetzung. Aber ich weiß, wer für mich dazu gehört und dass die Arbeit sich lohnt.</p>
<p class="western" lang="en-GB"><b>Ankommen in meiner eigenen Geschichte bedeutet, zu fühlen, was darüber in mir steckt</b></p>
<p class="western" lang="en-GB">Die emotionale Wucht dieser ersten Hausbegehung war überstanden. Es ist im Nachhinein enorm, wie viel Energie in der Abwehr der Auseinandersetzung vorher gebunden gewesen war, die sich danach verflüchtigte. Allein dadurch hatte sich die Reise bereits gelohnt. Nun war ich gespannt darauf, was noch alles zu erkunden, zu verstehen sei. Oder was wohl befreit und geklärt werden wollte. Die Unterwelt, auf die ich später stoßen würde, war da noch überhaupt nicht zu fühlen. Als lägen Gefühlsschicht auf Gefühlsschicht, wobei die nächst untere erst gespürt werden könnte, wenn die &#8222;darüber&#8220; liegende irgendwie &#8222;reif&#8220; schien, im Bewusstsein auftauchen zu können.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Composite Heritage entpuppte sich jedenfalls als  ein mächtiges Instrument. Die Konstruktionen und der Missbrauch von Identitätszuschreibungen lassen sich sehr klar erkennen. Es macht sehr wachsam  gegenüber den Manipulierern und Kulturmissbrauchern.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Schade, dass man nach Indien muss, um es kennen zu lernen.</p>
<h3 lang="en-GB">Die nächste Etappe: Das Erbe der Elterngeneration</h3>
<p lang="en-GB">Diesmal vergehen zwei Jahre bis zum nächsten Schritt. An einem klaren Dezembertag fahre ich aus einem Seminar über Trauma und das Innere Familiensystem nach Hause. Ich dümpele auf der Autobahn vor mich hin. Auf einmal ist da ein Gedanke. Meine Eltern&#8230;. was sie erlebt haben im Krieg&#8230; Trauma&#8230;  Trauma? Kann es sein, dass ich mit Menschen aufgewachsen bin, die durch die Erlebnisse, die sie hatten, für immer gezeichnet waren?</p>
<p lang="en-GB">Was haben sie eigentlich genau erlebt?&#8230;.</p>
<h3>Die bisherigen Etappen im Überblick</h3>
<p>Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Einleitung</a></p>
<p>Identität und Deutschsein: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 1</a></p>
<p>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden:  <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 2</a></p>
<p>Ankommen in der eigenen Geschichte: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 3</a></p>
<div id="sdfootnote1">
<p lang="en-GB"><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1 </a>Die Bücher, die ich meine, sind &#8222;Die vergessene Generation&#8220;, &#8222;Kriegsspuren&#8220; und &#8222;Nachkriegskinder&#8220;. <a href="https://www.sabine-bode-koeln.de/b%C3%BCcher/kriegsfolgen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mehr </a></span></p>
<div id="sdfootnote1">
<p lang="en-GB"><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">2 </a><span lang="de-DE">Das habe ich in der Zwischenzeit bei einer interessanten Coaching-Ausbildung gelernt. Meine inneren Widerstände zum Beispiel sind Persönlichkeitsanteile in mir. Diese Widerstände wollen mich vor irgendetwas beschützen und deshalb sorgen sie dafür, dass ich mich nicht mit dem beschäftige, was ich ihrer Ansicht nach nicht verkraften kann. Nun aber weiß ich, dass ich sie zur Seite bitten kann und dass sie mir nur helfen wollen. Mehr über diesen Ansatz findet sich bei https://www.ifs-europe.net/ oder bei meiner Ausbilderin Uta Sonneborn bei http://www.iifs-institut-heidelberg.de/ und in all meinen Blogbeiträgen über ifs und das Innere Familiensystem. </span></span></p>
<p lang="en-GB"><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">3 </a><span lang="de-DE">Neitzel/Welzer, S. 47-71. Vertieft zum Profitieren Aly und seine deutsche Millionenfigur Alfred Fretwurst, S. 7 ff. Um diesen geht es in einer späteren Etappe. </span></span></p>
<p lang="en-GB">
</div>
<p>Literatur</p>
<p>Götz Aly, Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus, Frankfurt, M. 2015.</p>
<p>Sabine Bode, Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, 29. Auflage, Stuttgart 2016.</p>
<p>Sabine Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation, 20. Auflage, Stuttgart 2016.</p>
<p>Sabine Bode, Kriegsspuren. Die deutsche Krankheit German Angst, Stuttgart 2016.</p>
<p>Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, 2. Aufl., Frankfurt am Main 2011.</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/">Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; Etappe 3</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; Etappe 2</title>
		<link>https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Nov 2019 17:15:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeitspraxis]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden Mein Deutschsein mit Composite Heritage erkunden - dazu bot mir ein Workshop1 einen ersten sicheren Raum. Voller Überraschung lernte ich vor allem meine Widerstände gegen diesen Teil meiner Identität kennen. Selbst-Konfrontation Es ist noch nicht so lange her, seit ich mich meinem Deutschsein zugewandt habe. Über fünfzig Jahre meines Lebens  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/">Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; Etappe 2</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1 class="western" lang="en-GB" style="text-align: left;" align="CENTER">Deutschsein mit Composite Heritage erkunden</h1>
<p lang="en-GB">Mein Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; dazu bot mir ein Workshop<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote2sym" name="sdfootnote2anc"><sup>1</sup></a> einen ersten sicheren Raum. Voller Überraschung lernte ich vor allem meine Widerstände gegen diesen Teil meiner Identität kennen.</p>
<h2>Selbst-Konfrontation</h2>
<p lang="en-GB">Es ist noch nicht so lange her, seit ich mich meinem Deutschsein zugewandt habe. Über fünfzig Jahre meines Lebens habe ich ganz gut ohne diese Selbstreflexion verbracht. Aber dann war es wohl soweit.</p>
<h2>braucht</h2>
<p lang="en-GB">Eines Tages saß ich in einem Workshop weit weg von Zuhause in Bangladesch. Als Co-Leiterin begleitete ich meine indischen Kolleg*innen Khurshid Anwar und Shruti Chaturvedi in einem neuen Kursformat zur politischen Bildung. Ein wichtiges Element darin ist das Konzept des &#8222;Zusammengesetzten Erbes&#8220; (<a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Composite Heritage</a>). Dieses macht nachvollziehbar, wie viel Fremdes im eigenen Erbe steckt. Es öffnet überdies die Zugänge zum eigenen Erbe. Interessant für einen Vielvölkerstaat wie Indien, dachte ich. Da mir dieses Konzept in der Praxis selbst noch unbekannt war, war ich neugierig, die kommenden Kursinhalte mir mal anzuschauen.</p>
<h2>Sicherheit</h2>
<p lang="en-GB">Im Workshop saßen Menschen aus verschiedensten Ländern Südasiens. Die erste Frage lautete: Was ist typisch, allgemein zugänglich, weit verbreitet in Deiner Kultur? Schreib eine Liste! Die Teilnehmer*innen schrieben und schrieben.</p>
<p lang="en-GB">Auffordernd schauten Khurshid und Shruti auch mich an. Meine Ruhe war vorbei. Gänzlich unerwartet fand ich mich aus der Komfortzone meiner Moderationsrolle hinauskatapultiert in die Perspektive der Teilnehmerin:</p>
<p lang="en-GB"><i>Meine </i>Kultur? Typisch? Allgemein zugänglich? Weit verbreitet? Ich ahnte noch nicht, dass ich mit Composite Heritage mein Deutschsein erkunden würde.</p>
<h3>&#8222;Typisch deutsch?&#8230;&#8220;</h3>
<p lang="en-GB">Immerhin, meine Liste enthielt: Gartenzwerge, Bier trinken, immer meckern, eine gewisse Detailverliebtheit, vielleicht auch so Sachen wie Rentenversicherung oder Krankenversicherung.</p>
<p lang="en-GB">Eine weitere Frage stand auf einmal drohend im Raum: Womit verbinde ich mich positiv?</p>
<p lang="en-GB">Viel stand am Ende dieser der Übung nicht auf meinem Zettel, außer Bier trinken.</p>
<h3>Die Kraft der Widerstände</h3>
<p lang="en-GB">Interessant war jedoch eine Beobachtung, die ich an mir selber während dieser Übung machte: Sie war ungemein anstrengend. Daran erkannte ich die Kraft der inneren Widerstände. Als ob jemand mit aller Gewalt eine Türe verschlossen halten will. Im Unterschied zu allen anderen Teilnehmer*innen war es für mich eben nicht normal und einfach, ein paar Dinge aufzuschreiben, die ich in meiner typisch deutschen Heimat gut fand. Zu allem, was mir einfiel, gesellte sich sofort ein großes ABER. Selten habe ich mich so unentspannt gefühlt.</p>
<p lang="en-GB">Immerhin lernte ich einige meiner Ablenkungsstrategien kennen.  Schließlich hatte ich doch so einen schönen EU-Pass. Die EU hatte in diesem Jahr den Friedensnobelpreis bekommen!</p>
<h2><b>und Wertschätzung</b></h2>
<p>Immerhin gab mir der Workshop einen ganz ganz sicheren Raum. Die wertschätzende und zugewandte Haltung von Khurshid und Shruti, unseren Trainern, war felsenfest. Hier konnte sich alles zeigen &#8211; oder auch nicht &#8211; und das war in Ordnung so.</p>
<h3>Kraft zur Selbstkonfrontation</h3>
<p lang="en-GB">Heute weiß ich, was damals geschah. Neueste Erkenntnisse der Hirnforschung belegen nämlich, welche Bedeutung Sicherheit und Wertschätzung haben, wenn es darum geht, sich mit negativen Erfahrungen zu konfrontieren. Denn es gibt im Gehirn einen Teil, der dafür zuständig ist, Unangenehmes an sich heran zu lassen. Das macht er aber wirklich nur dann, wenn er sich sicher und angenommen fühlt. Und wenn er sich angesprochen fühlt, wenn also das Ganze irgendwie interessant oder lohnenswert erscheint. Ansonsten macht er dicht.</p>
<h4>Sinn der Selbstkonfrontation</h4>
<p lang="en-GB">Man kann sich natürlich fragen, warum dieser Gehirnteil sich das antut: Was soll gut daran sein, unangenehme Erfahrungen mal wirklich an sich ranzulassen? Was &#8211; außer blöden Gefühlen über sich selber &#8211;  soll daraus Gutes entstehen?<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>2</sup></a>.</p>
<h4><b>Ein erster sicherer Ort&#8230;</b></h4>
<p lang="en-GB">Im Rahmen dieses Workshops eröffnete sich damals dieser innere Raum, ohne dass ich diese Zusammenhänge mit der Hirnforschung bereits gekannt hätte. Ich war neugierig genug, mich überhaupt auf die Fragestellung einzulassen. Zwischen Khurshid, Shruti und mir war Vertrauen genug, um sicher darauf zu setzen, dass aus dieser Übung etwas Sinnvolles für mich herauskommen würde.</p>
<h4>&#8230; um all den inneren Stimmen ein Ohr zu schenken</h4>
<p>Und so hörte ich dort erst einmal meinen inneren Widerständen zu. Die sagten mir zu meiner Identität als Deutsche Sätze wie:</p>
<p lang="en-GB">&#8222;Da ist nichts zu holen. Diese Identität steht in Deinem Pass, aber sonst fühlt die sich nur schlecht an.&#8220;</p>
<p lang="en-GB">Überrascht nahm ich aber auch erstmals etwas Anderes wahr. Da war etwas, das sich zum Beispiel danach sehnte, diese schönen Volkslieder zu singen!</p>
<p lang="en-GB">Daraufhin meldete sich sofort eine mir sehr vertraute innere Stimme und verkündete: &#8222;Wenn die Schiffe unter der Loreley durchfahren und alle das Lied von der Loreley mitsingen, dann muss ich kotzen.&#8220; Bilder vom Bund Deutscher Mädel schossen mir durch den Kopf, verschlossen den Mund und schnürten die Kehle zu.</p>
<p lang="en-GB">Gleich diese erste Übung konfrontierte mich also mit einem sehr ambivalenten kulturellen gesellschaftlichen Erbe.  Zunächst verwundert, aber dann immer nachvollziehbarer verstand ich meine Verkrampfung, sobald ich die Übungen auf mich selber bezog. In Bezug auf das, was das kulturelle Erbe meiner Gesellschaft ausmachte, fiel mir zuerst nichts ein, mit dem ich mich freiwillig verbinden wollte.</p>
<p lang="en-GB">Allmählich verstand ich, warum dieses Thema über Jahrzehnte randständig geblieben war. Denn im Vergleich mit den anderen Teilnehmer*innen fühlte ich mich  in meinem gesellschaftlichen Erbe ziemlich unbehaust. Mir war immer schon klar, dass ich mich nicht davor drücken konnte &#8211; aber mich damit  freiwillig und dann auch noch positiv verbinden? Nie im Leben!</p>
<p>In der Rückschau weiß ich, dass es diese Sehnsucht war, die mich seitdem über Jahre hat auf der Fährte bleiben lassen. Sie tauchte hier zum ersten Mal auf, als ich mit Composite Heritage mein Deutschsein zu erkunden begann.</p>
<p lang="en-GB">Zum Glück ging der Workshop noch weiter. In ihm konnte ich die so negativen Erfahrungsspuren meiner Gesellschaft in meinen eigenen Innenleben immer besser verstehen.</p>
<h3>Mit Composite Heritage den Wandel von Identitäten verstehen</h3>
<p lang="en-GB">Das Interessante an dem Konzept des Composite Heritage ist, dass es den einzelnen Menschen in den Kontext seiner Gesellschaft stellt. In diesem gesellschaftlichen Kontext ist der Mensch nicht allein,  und im Austausch mit anderen bildet und verändert sich gesellschaftliches Erbe. Ein ganz normaler Vorgang also.</p>
<h4>Composite Heritage als kontinuierlicher Austausch zwischen Menschen</h4>
<p lang="en-GB">Kulturelle Güter entstehen, wandeln sich und vergehen. Wie ist es mit den Dingen, die heute normal sind? Ich kann mich gut an den Kampf um die erste Jeans erinnern. Mädchen gehen nicht mit Hosen in die Schule&#8230;. Nur ein kleines banales Beispiel. Aber dieses Erbe verbindet Menschen, obwohl &#8211; oder gerade weil &#8211; sie verschieden sind und es sein dürfen ohne dabei auf- oder abgewertet zu werden.</p>
<h3>Composite Heritage kann Menschen verbinden oder trennen</h3>
<p>Hochspannend und sehr politisch wurde es, als wir lernten, dass mit kulturellen Gütern und Werten Politik gemacht und Macht ausgeübt wird. Hier wurde es auf einmal &#8222;ganz heiß&#8220;.</p>
<p>Im indischen Kontext ist zum Beispiel die Kaste ein traditionelles Gut, das bis heute die Gesellschaft und jeden einzelnen Menschen berührt &#8211; gewollt oder ungewollt. Immer schwerer leidet heute die indische Gesellschaft unter der Rangordnung, die damit verbunden ist. Sie teilt Menschen in höhere und niedere Gruppen ein. Lebenschancen werden verteilt, ohne dass ein Mensch irgendeinen Einfluss darauf hat, einfach dadurch, in welche Kaste er oder sie hineingeboren wird. Wir untersuchten außerdem Begriffe wie Glauben, Wahrheit, Gott und fanden heraus: all das gehört zu unserem gemeinsam geteilten Erbe. All das teilen Menschen mit einander. Aber nur solange, wie es unterschiedliche Deutungen geben darf.</p>
<p>In dem Moment, wenn &#8222;<em>ein</em> Gott&#8220;, &#8222;<em>eine</em> Wahrheit&#8220;, &#8222;<em>ein</em> Glaube&#8220; ins Spiel kommt, wird aus dem verbindenden Erbe ein trennendes. Wird aus dem positiven ein negatives Composite Heritage.</p>
<h4>Richtiges und falsches Erbe &#8211; eine Machtfrage</h4>
<p lang="en-GB">In dem Moment, in dem mächtige Meinungsmacher sich kultureller Güter bemächtigen, kann es gefährlich werden. Es wird gefährlich für das friedliche Miteinander und den Austausch verschiedener Menschen. Darum ist es so wichtig, welche Sprache Menschen in verantwortlichen Positionen gebrauchen. Sie stiften damit im Geiste Verbindung oder Spaltung. Im Inneren der Menschen, zu denen sie sprechen, stiften sie Beruhigung oder Aufruhr. Sie bringen Menschen dazu, mit einander auszukommen oder gegen einander in Stellung zu gehen. Mit der Sprache der Mächtigen fängt dieses Spiel an.</p>
<h4>Mobilisierung von Identitäten durch Mächtige</h4>
<p lang="en-GB">Der Mechanismus, der dann aktiviert wird, ist eigentlich immer derselbe: Sobald ein Kulturgut nur einer Gruppe zugeschrieben und anderen abgesprochen wird, werden Zugehörigkeit oder Ausschluss konstruiert. &#8222;Die Juden&#8220; sind dann &#8222;Anti-Deutsche&#8220;; Deutsche mit anderen Meinungen sind dann &#8222;Volksverräter&#8220;. Kritiker am eingefahrenen Politikbetrieb sind dann &#8222;Demokratiefeinde&#8220;. Wer sich überhaupt mit seiner deutschen Identität beschäftigt, ist &#8222;rechts&#8220;. Es geht in alle Richtungen, und immer geht es um die Deutungshoheit, wer &#8222;die eine Wahrheit&#8220; hat in Bezug auf die &#8222;<em>richtige</em> Demokratie&#8220;, das &#8222;<em>richtige</em> Volk&#8220;, das &#8222;<em>wahre</em> Deutschsein&#8220; und so weiter in alle Ewigkeit.</p>
<h4><b>Kultur, Macht und ihr Missbrauch: Die Narben in der Gesellschaft</b></h4>
<p lang="en-GB">Wir verstanden diese Mechanismen immer genauer. Dabei lernten wir, hinter die Kulissen von Konflikten über Identitäten zu schauen. Es gibt immer eine Wahl: Verbindet ein bestimmtes Kulturgut Menschen oder trennt es sie? Wer sorgt dafür? Welche Interessen sind damit verbunden? Welche Macht wird dafür genutzt? Für wessen Interessen wird meine Identität in Gefahr gebracht &#8211; entweder real oder angeblich? Und: Wem nützt das?</p>
<h4>Kultur, Macht und Missbrauch: Die Narben in den Menschen</h4>
<p lang="en-GB">Wir wurden auch in die eigenen Innenwelten geführt und manche berichteten von ihren Erinnerungen, zu denen sie in einer Übung geführt worden waren. Sie berichteten von den tiefen Spuren, die ihre persönlichen Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausschluss, von Höherrangigkeit oder Demütigung in ihnen hinterlassen hatten. Der zuvor innere und vermeintlich individuelle Konflikt fand nun aber auf einmal seinen Platz als Teil eines größeren Geschehens. Akteure, ihre Interessen und Durchsetzungsmacht traten  aus dem bisherigen Nebel sichtbar hervor. Wir lernten, wir sind Teil eines Spieles, das andere auf Kosten unserer Integrität spielen. Das ist bisweilen traurig, weil klar wird, wie viele verpasste Lebenschancen diesem Machtpoker zum Opfer gefallen sind. Das ist aber auch entlastend, weil wir lernten, Verantwortungen zu erkennen, die auf anderen Ebenen gesellschaftlicher Macht und bei anderen Akteuren liegen. Und auch hier wieder zeigte es sich, dass die in diesem bislang inneren Konflikt gebundene Energie nun frei geworden war. Frei für ein klares gesellschaftlichen Auftreten und sich Positionieren interessanterweise. So, als wäre man selber als selbstbestimmter Akteur auf der gesellschaftlichen Bühne aufgetaucht.</p>
<h3>Sich mit Deutschsein neu verbinden wollen</h3>
<p lang="en-GB">Und dann kam der Punkt im Workshop, wo alle, die wollten,  etwas aus ihrem eigenen kulturellen Erbe beitragen konnten. Einfach so, just for fun. Dafür gab es einen halben Tag Zeit zur Vorbereitung. Am Nachmittag wurden wir Zeugen beeindruckender Darbietungen von Lyrik, dem Schauspiel historischer Szenen, sportlichen Spielen, Gedichten und Liedern. In ihnen verkörperte sich, was man beisteuern wollte vom  eigenen Kulturgut. Ich zaudere bis zum Schluss. Dann werfe ich mein Herz über den Zaun und singe mit zittriger Stimme das Lied von der Loreley.</p>
<h4>Es gibt kein Zurück mehr&#8230;</h4>
<p lang="en-GB">Seitdem weiß ich, wie ich anfangen kann, um mir nach und nach einen Zugang zu meiner deutschen Identität zu bahnen. Dabei ist mir klar, dass meine Identität als Deutsche verschiedenste Facetten haben wird. Die Erfahrung dieses Workshops ist,  dass es auf die Dauer aus dieser Nummer für mich kein Raushalten mehr geben wird. Zu viel Energie ist hier gebunden in einem Zustand von Hin- und Hergerissen-Sein. Diese Energie will ich wiederhaben.</p>
<h4>Fragen für die Reise</h4>
<p lang="en-GB">Ich habe die emotional-physische Kraft der Widerstände kennen gelernt und frage mich: Was muss hier mit aller Macht davor bewahrt werden, wahrgenommen zu werden? Was darf auf keinen Fall gespürt und gefühlt werden? Überdies habe ich ebenfalls wahrgenommen, dass es jenseits der Widerstände ein Verlangen, ein Sehnen gibt, sich zu verbinden!  Womit?!</p>
<p>Diese Fragen traten dann in mir eine lange Reise nach innen an. Ungelogen &#8211; erst vier Jahre später nahm ich den Faden wieder auf. In der Zwischenzeit bereitete sich eine erste grundlegende Frage in mir vor: Wer ist meine Gemeinschaft? Wer gehört zu mir?</p>
<h3>Handwerkszeug für die Etappe 3</h3>
<p>Überdies lernte ich ein überaus brauchbares Handwerkszeug kennen, das es mir ermöglichte, diesen inneren Dialog sehr gezielt zu führen. Mit dem <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/">Inneren Familiensystem</a> war es möglich, mit den Widerständen und der Sehnsucht ins Gespräch zu kommen. Und all dem, was sie im Gepäck hatten.</p>
<p>Und so war irgendwann alles bereit für die Etappe 3: Ein erstes <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ankommen in der eigenen Geschichte</a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Die bisherigen Etappen im Überblick</h3>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Einleitung</a>: Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 1</a>: Identität und Deutschsein</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 2:</a> Deutschsein mit Composite Heritage erkunden</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 3:</a> Ankommen in der eigenen Geschichte</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="sdfootnote1">
<p><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1</a> </span><span lang="de-DE"><i>Khurshid</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Anwar</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage for Peace, Harmony and Democracy. Training Handbook for Trainers and Activists, New Delhi 2007; kurz: </span><span lang="de-DE"><i>Shruti </i></span><span lang="de-DE"><i>Chaturvedi</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage. Concept Note</span><span lang="de-DE">.</span></p>
</div>
<div id="sdfootnote2">
<p><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote2anc" name="sdfootnote2sym">2</a> </span><span lang="de-DE">Hierzu erhellend und praktisch:</span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Maja</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Storch/Julius</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Kuhl</i></span><span lang="de-DE">, Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste, 3. unveränderte, Bern 2017, S. 74f. und 249ff.</span></p>
</div>
<p>Literatur:</p>
<p><span lang="de-DE"><i>Khurshid</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Anwar</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage for Peace, Harmony and Democracy. Training Handbook for Trainers and Activists, New Delhi 2007.</span></p>
<p><span lang="de-DE"><i>Shruti </i></span><span lang="de-DE"><i>Chaturvedi</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage. Concept Note,</span><span lang="de-DE"> 2018.</span></p>
<p><span lang="de-DE"><i>Maja</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Storch/Julius</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Kuhl</i></span><span lang="de-DE">, Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste, 3. unveränderte, Bern 2017.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/">Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; Etappe 2</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Identität und Deutschsein &#8211; Etappe 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Oct 2019 14:24:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeitspraxis]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgrenzung]]></category>
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		<category><![CDATA[Zukunftsfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Identität und Deutschsein - Etappe 1 Erste Etappe im Reisebericht. Auf geht es zu einer  entspannteren deutschen Identität und zu einem menschlich-neugierigen Deutschsein Deutschsein Eine erschütterte Identität? Der Jenaer Historiker Norbert Frei und seine Kolleg*innen haben festgestellt, das Selbstverständnis der "bundesrepublikanischen Gesellschaft" sei "spürbar erschüttert". Stimmt das? Ich glaube, es ist nicht die ganze  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein-2/">Identität und Deutschsein &#8211; Etappe 1</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-one-full fusion-column-first fusion-column-last" style="--awb-bg-size:cover;--awb-margin-bottom:0px;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-flex-column-wrapper-legacy"><div class="fusion-text fusion-text-1"><h1>Identität und Deutschsein &#8211; Etappe 1</h1>
<p>Erste Etappe im Reisebericht. Auf geht es zu einer  <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/frieden-im-inneren-familiensystem/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">entspannteren</a> deutschen Identität und zu einem menschlich-neugierigen Deutschsein</p>
<h2>Deutschsein</h2>
<h3>Eine erschütterte Identität?</h3>
<p>Der Jenaer Historiker Norbert Frei und seine Kolleg*innen haben festgestellt, das Selbstverständnis der &#8222;bundesrepublikanischen Gesellschaft&#8220; sei &#8222;spürbar erschüttert&#8220;. Stimmt das? Ich glaube, es ist nicht die ganze Gesellschaft erschüttert, sondern eher ein Teil über einen anderen. Erschüttert darüber, auf einmal laut  mit  &#8222;völkischen Stereotypen&#8220; konfrontiert zu werden. Oder sich mit Vorstellungen vom Deutschsein auseinandersetzen zu müssen, die von einer  &#8222;homogenen Nation&#8220; ausgehen. Oder Lehren aus der Geschichte, die als sicher galten, auf einmal offen in Frage gestellt zu sehen.<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></p>
<h3>Eine umkämpfte Identität?</h3>
<p>Ist diese Diskrepanz etwas Neues? Oder ist eher neu, Identität, Deutschsein in Deutschland im öffentlichen Raum konträr zu positionieren?</p>
<p>Frei und seine Kolleg*innen sehe ich bei denen, deren Selbstverständnis als Deutsche vielleicht erschüttert ist. Und die sich um die Zukunft der deutschen Demokratie sorgen. Als Historiker*innen wissen sie zu viel über den schon einmal erlebten Verlust einer offenen Demokratie in Deutschland. Und das alles ist erst eine Generation her. Haben wir denn nichts daraus gelernt?</p>
<p>Was aber ist mit dem &#8222;anderen Teil&#8220; dieser bundesrepublikanischen Gesellschaft? Dem Teil, der, repräsentiert durch die AfD, diesen neuen Nationalismus mit einer &#8222;bislang beispiellos erfolgreichen Mobilisierung von rechts&#8220; (Frei: 7) seit 2015 so lautstark zu Gehör bringt. Ist denn wenigstens dieser Teil entspannt, weil er endlich Raum, endlich Gehör findet?</p>
<h3>Eine Identität im Krisenmodus</h3>
<p>Erinnern wir uns an den Vorschlag von Frau Petry von Anfang 2016, Flüchtlinge an den Grenzen notfalls mit Gewalt zu stoppen. Schussbefehl gegen unbewaffnete Zivilisten? Wie bedroht muss man sich fühlen, um solche Ideen überhaupt zu haben? Das ist alles andere als entspannt.</p>
<h4>Eine Erzählung über eine womöglich bedrohte Identität</h4>
<p>Die Gedankenbilder hinter solchen Szenarios werden mit Verschwörungstheorien wie dem &#8222;großen Austausch&#8220; umschrieben. Auf dieser Ebene wird auch deutlicher, was der Zusammenhang mit Identität und Deutschsein an dieser Stelle ist. Hören wir nochmal die Zeithistoriker: &#8222;Eine ethnisch definierte &#8218;Schicksalsgemeinschaft&#8216; wird gegen den Rechtsstaat in Stellung gebracht. Zu diesem Zweck verbreitet die Neue Rechte&#8230; den Mythos vom &#8218;großen Austausch&#8216;: Die Behauptung, dass die kosmopolitisch-liberalen Eliten in Politik und Medien eine &#8218;Völkerwanderung&#8216; in Gang gesetzt hätten, um durch &#8218;Überfremdung&#8216; und &#8218;Islamisierung&#8216; die &#8218;abendländische Kultur&#8216; zu vernichten und ein deutsches, vielleicht sogar europäisches &#8218;Völkersterben&#8216; einzuleiten.&#8220;<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a></p>
<h4>Wenn Identität in Gefahr zu geraten scheint, wird es gefährlich</h4>
<p>Kann so etwas wahr sein? Wer solchen Vorstellungen Glauben schenkt, wird sich jedenfalls nicht entspannt fühlen. Er oder sie wird befürchten, dass der Staat seine Schutzfunktion nicht mehr ausüben kann. Das würde den Vertrauensverlust in den Rechtsstaat erklären. Das Bedrohungsgefühl reicht aber tiefer. Es umfasst ein &#8222;Wir&#8220; und damit eine Gruppe, mit der Zugehörigkeit und Anerkennung verbunden wird. Wird das &#8222;Wir&#8220; in Gefahr gesehen, geht es ins Eingemachte. Denn auf dieser Ebene werden tief in Menschen verankerte emotionale Mechanismen aktiviert. Dann kämpft Urmensch gegen Säbelzahntiger. Das würde erklären, wieso vernünftige Argumente da nicht verfangen: Sie spielen auf dieser Ebene keine Rolle. Der Wahrheitsgehalt solcher Erzählungen ist nicht das Entscheidende. Es reicht völlig aus, wenn sie plausibel für diejenigen ist, die sie hören.</p>
<h2>Demokratie</h2>
<h3>Es geht um das &#8222;Wir&#8220;</h3>
<p>Was hat das alles mit nationaler Identität, mit Deutschsein und mit der Zukunft zu tun? Frei und seine Kolleg*innen sehen durch die &#8222;rechtspopulistische Mobilisierung &#8230; Grundsatzfragen der demokratischen Gesellschaft&#8220; aufgeworfen, und zwar: &#8222;Wer oder was ist deutsch? Was bedeuten Heimat, Patriotismus und Nation? Welche Grundrechte gelten für wen? Welchen Wert hat eine kritische Geschichtskultur? Und wie weltoffen und zugleich streitbar soll die Demokratie in Deutschland künftig sein?&#8220;<a href="#_ftn3" name="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a></p>
<h4>Ausschluss &#8211; Einschluss &#8211; Deutungshoheit</h4>
<p>Für mich vermischen sich da vier Ebenen: Die eine ist die Ebene, auf der über das &#8222;Wir&#8220; gesprochen wird. Die zweite ist die Ebene, auf der entschieden wird, wer mitreden darf. Die dritte ist die Ebene der Deutung: Was ist richtig und was ist falsch (&#8222;richtige&#8220; Geschichtsbetrachtung, &#8222;richtige&#8220; Demokratie). Die vierte ist: Was sind die Grenzen der Zumutbarkeit? Es wird interessant, einmal Deutschsein und Identität in diesen Topf zu werfen.</p>
<h4>Gespaltene Identitäten kämpfen ums richtige Deutschsein in der richtigen Demokratie</h4>
<p>Wer hat denn nun Recht? Wer hat das &#8222;Deutschsein&#8220; auf seiner Seite? Der Teil, der Deutschsein weltoffen versteht und für den die &#8222;anderen&#8220; rückwärtsgewandte Antidemokraten sind? Oder der Teil, der schlicht von sich behauptet, das &#8222;wahre&#8220; Deutschsein zu vertreten? Und für den die &#8222;anderen&#8220; entweder Volksverräter sind oder gar nicht zum Deutschsein gehören &#8211; also &#8222;Fremdkörper&#8220;?</p>
<p>Dazwischen gibt es bestimmt viele weitere Teile dieser bundesdeutschen Gesellschaft, die in dieser Polarisierung gerade untergehen. Die sich gar nicht mehr trauen, sich zu positionieren. Weil, egal mit wem man redet, man erntet unentspannte Reaktionen. Außer ich rede nur noch mit denen, von denen ich weiß, dass sie meine Ansichten teilen. Bleibt es dabei, werden wir vielleicht an der Herausforderung der Stunde vorbeigehen: nämlich eine Debatte über Identität und Deutschsein überhaupt führen zu können</p>
<h4>Sprachfähig werden zu Identität und Deutschsein</h4>
<p>Mittlerweile bin ich auf meiner eigenen Reise dort angekommen, wo ich auf ein entspannteres und vor allem menschlich verbundenes Deutschsein echt neugierig zu sein. Ich kann mir das inzwischen sogar vorstellen.</p>
<p>Mein Ausgangspunkt aber war ein ganz anderer. Es war die erschreckende Erkenntnis: Ich bin gar nicht sprachfähig. Reden über Identität im Zusammenhang mit Deutschsein verschließt mir den Mund. Inzwischen kenne ich einige der guten Gründe dafür. Was ich auf dieser Reise kennengelernt habe, davon berichte ich in dieser Reihe.</p>
<p>Als Einstieg dazu möchte ich zwei meiner wichtigsten bisherigen Einsichten teilen: Nämlich was ich unter Identität verstehe und wie ich das Deutschsein sehe.</p>
<h2>Identität</h2>
<h3><strong>Identität ist Einzigartigkeit</strong></h3>
<p>Meine Identität!  Das ist einmal das, was mich im Kern ausmacht, wovon ich sagen würde: Das bin ich. Interessanterweise ist das durchaus nichts Festes, in Stein gemeißeltes. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, je länger die Suche dauert, umso facettenreicher wird das, was mich ausmacht. Manchmal scheinen die Grenzen zu verschwimmen und auch das fühlt sich richtig an. Das klingt vielleicht esoterisch, lässt sich auch nur unzureichend in Worte fassen. Für mich überraschend war die Erfahrung, dass Grenzenlosigkeit UND Eindeutigkeit zusammen passen können. Passen, das ist hier das Zauberwort. Zu spüren, dass was passt und genau so richtig ist, wie es sich gerade anfühlt.</p>
<p>Auf diesen Punkt komme ich ich immer wieder. Das ist ein Gefühl von innerer Stimmigkeit. Diese Identität hat für mich sehr viel zu tun mit den <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/frieden-im-inneren-familiensystem/">Selbstqualitäten</a>, die ich aus der Arbeit mit dem Inneren Familiensystem kenne.</p>
<h3>Identität ist gewollte Zugehörigkeit</h3>
<p>Ein zweiter Aspekt meiner Identität ist meine Zugehörigkeit zu Gruppen, die ich mit anderen Menschen teile. Davon wähle ich einige selber (meine Essgewohnheiten z.B.), andere werden mir von anderen Menschen und Institutionen zugeschrieben. Dazu gehört zum Beispiel das Wahlrecht an meinem Wohnplatz oder ob ich eine Emanze bin. (Sagt man das heute überhaupt noch so? An diesem Beispiel wird deutlich, dass auch Identitätszuschreibungen ihre Zeit und Konjunktur haben können).</p>
<h3>Identität ist gewollte Abgrenzung</h3>
<p>Identität als Zugehörigkeit zu Gruppen braucht &#8222;die Anderen&#8220;: Mit wem soll ich mich denn vergleichen, mich ihnen ähnlich finden und von mir sagen: So bin ich auch? Gleichzeitig brauche ich Andere, von denen ich, mich mit ihnen vergleichend, mich eben abgrenze. Viele Identitäten zu haben ist also der Normalfall, ebenso wie viele andere Identitäten neben und um sich herum zu haben.</p>
<h3>Identität und <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Identitätsmobilisierung</a></h3>
<p>Selbst entscheiden zu dürfen, welche meiner Identitäten für mich bedeutsam ist und welche nicht, sollte ebenfalls der Normalfall sein. Öffentlich zu machen, dass ich mich gerade mit meiner deutschen Identität beschäftige, löst allerdings unmittelbar unentspannte Reaktionen in der Umgebung aus: Wieso gerade deutsch? Bist Du rechts? Was soll denn das jetzt noch?</p>
<p>Dazu kann ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in den letzten Jahren nur sagen: Ja, die Identität als Deutsche gehört auch zu mir &#8211; wie alle anderen. Was ist daran so abstoßend, dass ich mich nicht mit ihr beschäftigen sollte? Wenn ich das jetzt so zu anderen sage, muss ich mir selber allerdings eingestehen, dass ich genau das getan habe: Ich habe mich jahrzehntelang um diese Identität nicht gekümmert. Ich kann die Einwände inzwischen nur zu gut verstehen, auch wenn ich sie nicht mehr teile. Bei mir kenne ich allerdings die Gründe, die zu dieser Abwehr beigetragen haben. Meine Reise ist zu großen Teilen eine Reise hin zu Abwehrhaltungen und den guten Gründen dafür.</p>
<h3><strong>Deutsche Identität</strong></h3>
<p>Ich habe, wie gesagt, viele Identitäten. Amartya Sen hat in seinem Buch &#8222;Die Identitätsfalle&#8220; die Vielzahl von Identitäten schön aufgelistet&#8230; <a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a>. Meine Identitäten sind andere als seine, und es ist meine Wahl, zu entscheiden, mit welcher ich mich befassen möchte. In diesem Beitrag möchte ich mich mit der Identität beschäftigen, die mich zu einer Deutschen macht. Ich möchte dieses auch nicht begründen müssen. Es hat lange genug gedauert, bis von den vielen Identitäten, die ich habe, nun gerade diese überhaupt für eine tiefgehende Reflexion zugänglich geworden ist. Deshalb sei ihr dieser Raum gegönnt, auch wenn sie sperrig ist. Ich will sie auch nicht gleich wieder wegmachen mit dem Hinweis auf europäische, internationale und sonstige andere, pflegeleichtere Identitäten. Die habe ich auch, aber dies hier ist der Raum meiner deutschen Identität.</p>
<h3><b>Zuschreibungen deutscher Identität</b></h3>
<p>Was für eine Deutsche bin ich denn? Mein Vater, in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg geboren, sprach von sich als &#8222;Beutegermane&#8220;. Meine Mutter ist Ur-Westfälin. Was bin dann ich? Andere Deutsche mit Eltern aus anderen Ländern bezeichnen mich als &#8222;Herkunfts-Deutsche&#8220; oder &#8222;deutsch-Deutsche&#8220;. Meine beiden Eltern waren Deutsche, also bin ich es auch. Ich bin mit meinem bleichen, unauffälligen, und inzwischen grauharigen Erscheinungsbild als &#8222;Mehrheitsdeutsche&#8220; erkennbar.</p>
<h3>Identität ist gleichwertige Zugehörigkeit</h3>
<p>Was sollen aber diese immer weiter ausdifferenzierenden Unterteilungen? Das löst in mir ein inneres Unbehagen aus und ich weiß auch wieso. Unterschwellig werden damit nämlich Wertungen verteilt. Mehrheits-Minderheitsdeutsch / Herkunfts- (Bio-)deutsch und zugewandert-deutsch? Wer zählt mehr? Wann darf jemand mitreden? Gehöre ich wirklich dazu? Oder wohne ich hier nur?</p>
<p>In das Dorf, in dem ich seit dreißig Jahren lebe, bin ich aus einer anderen deutschen Landschaft zugewandert. Für manche bleibe ich damit mein Leben lang ein fremder Frosch, weil ich in einem anderen Teich aufgewachsen bin. Faktisch ist das richtig. Ich bin ein zugewanderter Frosch aus einem anderen Teich. Aber wenn mir mit diesem Argument ein Mitspracherecht in Angelegenheiten in meinem Dorf abgesprochen wird, bekommt das Ganze einen merkwürdigen Beigeschmack.</p>
<h2>Deutschsein</h2>
<h3>Deutschsein freiwillig wählen</h3>
<p>Ich bestehe inzwischen auf einer freiwilligen Selbstzuschreibung, wenn es um Identitäten geht. Für mich wie für andere lehne ich Fremdzuschreibungen ab. <strong>Deutsch ist für mich, wer sich als Deutsche oder Deutscher sieht oder versteht</strong>. Da mag der Pass oder der Aufenthaltsstatus etwas anderes behaupten, da mögen äußerliche Merkmale etwas anderes nahelegen &#8211; das ist mir schnuppe. Zu dieser Haltung komme ich mit gutem Grund:</p>
<p>Wenn andere definieren dürfen, welche Identität <em>sie mir</em> zuschreiben, und was <em>das dann für mich bedeutet</em>, dann ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Wir Deutsche haben damit Erfahrung.</p>
<h3>Fremdzuschreibung  ist Anmaßung</h3>
<p>Aktuell wiederholt sich gerade die Erfahrung, dass Menschen über die  Identität anderer Menschen entscheiden und sich einbilden, das gäbe ihnen das Recht, diesen Menschen Leid anzutun. So schreibt die Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz: &#8222;Menschen werden in diesem Land getötet, angefeindet, bedroht und beleidigt, weil sie angeblich Volksverräter  oder keine &#8218;Deutsche&#8216; sind.&#8220;<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a> Menschen wie Burak Ceylan, mit Mutter aus Deutschland und Vater aus der Türkei, sagt von sich: &#8222;Ich bin in Deutschland geboren und fühle mich als Deutscher.&#8220;<a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a> Wer darf ihm absprechen, dazu zu gehören?</p>
<p>Betrachten wir kurz die Erfahrung, die die deutsche Gesellschaft erst in der letzten Generation gemacht hat. In ihrem Buch: &#8222;Wir haben uns als Deutsche gefühlt. Lebensrückblick und Lebenssituation jüdischer Emigranten und Lagerhäftlinge&#8220; haben sich Andreas Kruse und Eric Schmitt mit der Fremdzuschreibung von Identitäten intensiv auseinandergesetzt<a href="#_ftn7" name="_ftnref7">[7]</a>.  Am Schickal  jüdischer Emigranten und Lagerhäftlinge zeigen sie auf, was geschieht, wenn Menschen in Machtpositionen über die Identitäten von Mitbürger*innen verfügen.</p>
<h3>Eine warnende Erfahrung mit Identitätspolitik</h3>
<p>Nachdem die Nationalsozialisten den Rechtsstaat der Weimarer Republik 1933 gekapert hatten, erfanden sie 1935 im Reichsbürgergesetz zwei Klassen von Staatsangehörigen. Die eine Gruppe waren &#8222;Staatsangehörige deutschen und artverwandten Blutes&#8220;. Sie konnten &#8222;Reichsbürger&#8220; mit vollen bürgerlichen Rechten werden. Die andere Gruppe waren &#8222;einfache&#8220; Staatsangehörige. Spätere Ausführungsbestimmungen zu diesem Gesetz  grenzten in den folgenden Jahren solche Bürger*innen mehr und mehr aus, und diese wurden &#8211;  entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie &#8211; umgebracht. Staatliche Macht diente dazu, um aus dem Staatsvolk der Deutschen Deutsche hinauszudefinieren und ihnen sowohl ihre Rechte als deutsche Staatsbürger*innen als auch das Leben zu nehmen und sie als &#8222;Untermenschen&#8220; quasi von der Menschheit selbst auszuschließen.</p>
<h4>Stattdessen: Identität als Haltung respektieren</h4>
<p>Ich bin sehr dankbar, wie Andreas Kruse und Eric Schmitt mit dieser Herausforderung umgegangen sind, als sie selber ihre Gesprächspartner*innen ein&#8220;sortieren&#8220; mussten. Sie haben darauf verzichtet, als &#8222;objektive Wissenschaftler&#8220;, quasi erneut fremd bestimmend, ihre Gesprächspartner*innen in Kategorien von Identitäten einzusortieren. Sie schreiben: „In unserem Verständnis lässt sich die Identität einer Person nicht ‚von außen‘, durch objektive Merkmale, die sie mehr oder weniger eindeutig ‚identifizieren‘, bestimmen. <em>Unter ‚Identität‘ verstehen wir</em> keine überdauernde Eigenschaft, keine stabilen Merkmale, die eine Person einfach hat, sondern <em>eine Haltung der Person, eine Perspektive, aus der sie sich mit anderen vergleicht und andere Personen als ähnlich oder unähnlich wahrnimmt</em>.“<a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a></p>
<p>Ich finde diesen Ansatz sehr hilfreich für die notwendige gesellschaftliche Diskussion über Zugehörigkeit. Daraus folgt aber auch: Die Identität eines anderen Menschen bestimmt dieser Mensch selbst.</p>
<h3><strong>Deutschsein &#8211; einer sperrigen Identität ins Auge sehen</strong></h3>
<p>Meine Haltungen zu Deutschsein und Identität, die ich jetzt erlebe, sind bereits Früchte meiner Reise. Diese Reise führte mich indessen zunächst in meine Geschichte. Die Auseinandersetzung mit dem Missbrauch nationaler Identität durch die Nationalsozialisten lag dabei wie eine Bleiplatte auf mir. Dank eines Workshops mit Composite Heritage gelang es mir, diese kraftraubende Bleiplatte, aber auch ein neues Gefühl von Sehnsucht kennenzulernen. Dieses Gefühl gab mir &#8211; wie ich heute weiß &#8211; tatsächlich die Ausdauer, an dem Thema dranzubleiben.</p>
<p>Heute bin ich  dankbar für alles, was mir begegnete und vor allem dafür, dass ich der weiteren Reise zunehmend mit Neugier entgegenblicke.</p>
<h4>Wo begann die Reise?</h4>
<p>Thilo Spahl schildert in seinem Essay &#8222;Über Europäer&#8220; den folgenden Gag. Man stelle sich vor, in der Brüsseler Europa-Bürokratie treffen sich neue Mitarbeitende. Die Vorstellungsrunde geht dann womöglich so: &#8222;Woher kommen Sie?&#8220; &#8222;Ich bin Italiener.&#8220; &#8222;Ich Pole.&#8220; &#8222;Ich komme aus Finnland.&#8220; &#8222;Ich aus Irland.&#8220; &#8222;Ich bin Europäer!&#8220; Alle: &#8222;Ah, ein Deutscher&#8220;. &#8230;<a href="#_ftn9" name="_ftnref9">[9]</a></p>
<p>Als ich das neulich las, war mir, als hielte mir jemand einen Spiegel vor&#8230; Meine Reise begann in Bangladesh&#8230;. Unterwegs in der Welt mit meinem schönen europäischen Pass, traf ich auf ein sehr zwiespältiges Gefühl, als ich mich &#8211; unvorbereitet und überraschend &#8211; mit meiner Identität als Deutscher konfrontiert sah&#8230;</p>
<p>Mehr davon im nächsten Beitrag.</p>
<p>Literatur:</p>
<p><em>Seda </em><em>Basay-Yildiz, </em>Wenn die Würde des Menschen durch die Staatsgewalt angetastet wird, S. 24-28 in: <em>Matthias</em> <em>Meisner/Heike</em> <em>Kleffner</em> (Hrsg.), Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz, 1. Auflage, Freiburg 2019.</p>
<p><em>Norbert</em> <em>Frei/Christina</em> <em>Morina/Franka</em> <em>Maubach/Maik</em> <em>Tändler</em>, Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019.</p>
<p><em>Andreas Kruse/Eric Schmitt</em>, Wir haben uns als Deutsche gefühlt. Lebensrückblick und Lebenssituation jüdischer Emigranten und Lagerhäftlinge, Darmstadt 2000.</p>
<p><em>Amartya</em> <em>Sen</em>, Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2007.</p>
<p><em>Thilo</em> <em>Spahl</em>, Über Europäer. Der Versuch der EU, eine &#8222;europäische Identität&#8220; von oben herab zu erzeugen, schadet der Demokratie, in: Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik, hrsg. v. Johannes Richardt (Novo, Band 125), 1. Auflage 2018, Frankfurt am Main 2018, 55–70.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Frei 2019: 7</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Frei 2019: 13.</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Frei 2019: 11.</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> &#8222;Die Kategorien, denen wir gleichzeitig angehören, sind sehr zahlreich. Was mich betrifft, so kann man mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeshischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonomen, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Bramahnen und Ungläubigen, was das Leben nach dem Tode und, falls es jemanden interessiert, auch ein &#8218;Leben vor der Geburt&#8216; angeht. &#8220; In: Amartya Sen, Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2007: 33f.</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Basay-Yildiz, Seda: 28, in: <em>Matthias</em> <em>Meisner/Heike</em> <em>Kleffner</em> (Hrsg.), Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz, 1. Auflage, Freiburg 2019.</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a>  FR. 18.9.2019:D8.</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> Andreas Kruse/Eric Schmitt, Wir haben uns als Deutsche gefühlt. Lebensrückblick und Lebenssituation jüdischer Emigranten und Lagerhäftlinge, Darmstadt 2000.</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> Kruse/Schmitt 2000: 192.</p>
<p><a href="#_ftnref9" name="_ftn9">[9]</a> <em>Thilo</em> <em>Spahl</em>, Über Europäer. Der Versuch der EU, eine &#8222;europäische Identität&#8220; von oben herab zu erzeugen, schadet der Demokratie, in: Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik, hrsg. v. Johannes Richardt (Novo, Band 125), 1. Auflage 2018, Frankfurt am Main 2018, 55–70: 69.</p>
</div><div class="fusion-clearfix"></div></div></div></div></div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein-2/">Identität und Deutschsein &#8211; Etappe 1</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Entspannteres Deutschsein: Ein Reisebericht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Oct 2019 15:50:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeitspraxis]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgrenzung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschsein]]></category>
		<category><![CDATA[Gehinforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Souverän]]></category>
		<category><![CDATA[Staatsvolk]]></category>
		<category><![CDATA[Vergangenheit]]></category>
		<category><![CDATA[Volk]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunftsfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Entspannteres Deutschsein Ein Reisebericht in Etappen Ich bin auf dem Weg, in meiner Geschichte anzukommen. In meiner eigenen, der meiner Eltern und meiner Gesellschaft. Ich ahne, dass diese Reise noch viel weiter in die Vergangenheit führen wird und dass die Antworten ziemlich große Kreise ziehen werden. Auf dieser Reise bin ich mit mir unterwegs, als  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/">Entspannteres Deutschsein: Ein Reisebericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1>Entspannteres Deutschsein</h1>
<h3>Ein Reisebericht in Etappen</h3>
<p>Ich bin auf dem Weg, in meiner Geschichte anzukommen. In meiner eigenen, der meiner Eltern und meiner Gesellschaft. Ich ahne, dass diese Reise noch viel weiter in die Vergangenheit führen wird und dass die Antworten ziemlich große Kreise ziehen werden. Auf dieser Reise bin ich mit mir unterwegs, als Individuum, aber auch als Teil dieser deutschen Gesellschaft. Die Beiträge in dieser Reihe erzählen die bisherigen Etappen dieser Reise.</p>
<h3>Entspannteres Deutschsein &#8211; ein Luxusproblem von Herkunftsdeutschen?</h3>
<p>&#8222;Entspannteres Deutschsein &#8211; darüber kann sich auch nur Gedanken machen, wer sich seines Deutschseins sicher sein kann. Das sind doch echte Luxusprobleme! Diese Frage stellt sich doch ganz anders, wenn ich nicht aussehe wie Deutsche nun mal aussehen und dauernd erklären muss, dass ich Deutsche bin!&#8220; Ja, unsere deutsche Gesellschaft ist reich und vielfältig. Viele sehen sich als Deutsche, werden von anderen aber nicht so gesehen.</p>
<h4>Selbstverständliches, entspanntes Deutschsein trifft auf verkrampftes Deutschsein&#8230;.</h4>
<p>Mir ist das selber so gegangen. Ein Kollege aus der Konfliktforschung, sagte neulich: &#8222;Da müssen wir Deutsche endlich an das Problem ran!&#8220; Ich bemerkte ein inneres Aufzucken bei mir. Ich habe noch nie jemanden so selbstverständlich &#8222;wir Deutsche&#8220; sagen hören. Und dabei sah er gar nicht so blass aus, wie Deutsche auszusehen haben. Was war das, was mich so reagieren ließ?</p>
<p>Ich lauschte dieser inneren Stimme und war verblüfft. Diese innere Stimme war neidisch auf den Mann mir gegenüber, weil der wählen konnte. Zwischen mehreren nationalen Identitäten. Und dass er sich auch für die deutsche Identität entschieden hatte, konnte diese innere Stimme nicht verstehen. &#8222;Wie&#8220;, so fragte diese innere Stimme, &#8222;kann man sich freiwillig dafür entscheiden, Deutscher sein zu wollen? Bei dieser Geschichtslast?&#8220; Und dass mein Gegenüber mit seinem Deutschsein so sehr im Reinen war, das machte sie sogar ein bisschen böse: &#8222;Du&#8220;, sagte sie (im Stillen zu ihm), &#8222;Du kannst doch gar nicht mitreden, was es heißt, Deutscher zu sein. Du hast das doch gar nicht in den Knochen Deiner Vorfahren stecken.&#8220;</p>
<p>Ja, und dank dieser Bemerkung meines Kollegen hatte ich die Chance, einen inneren Teil in mir kennen zu lernen, der das Deutschsein sehr verengt sieht. Verengt auf eine Herkunftsgemeinschaft, die die belastete Geschichte in ihrer Ahnenreihe hat. Seit ich diesen Teil kennengelernt habe weiß ich, dass das Ankommen in der eigenen Geschichte kein Luxusproblem von Herkunftsdeutschen ist. Sondern es ist eine Art Hausaufgabe. Ich wende mich meiner Geschichte des Deutschseins zu, und das klärt meinen Blick auf die vielen anderen Deutschen mit anderen Geschichten, die genauso deutsch sind wie ich, nur anders.</p>
<h4>Eine Gesellschaft, die in ihrer eigenen Geschichte zuhause ist, kann auch in der Zukunft bestehen</h4>
<p>Mit diesem Gedanken ging es los.</p>
<p>Es war ein gedanklicher Hüpfer, der mich dorthin brachte. Ich war mit einem interessanten Buch beschäftigt. Es ging darum, wie Menschen ihr <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/veranstaltung/entscheiden-und-motiviert-handeln/">ganzes unbewusstes Wissen</a> in gute Entscheidungen einfließen lassen können. Eine Antwort auf diese Frage war: Indem sie <strong>alle</strong> ihre bisherigen Erfahrungen &#8211; gute wie negative &#8211; zur Lösung heranziehen können. Solange sie es indessen versäumen, ihre negativen Erfahrungen wirklich anzunehmen und konstruktiv zu verarbeiten, müssen sie leider dieselben Fehler immer wieder machen. In diesem Moment machte es &#8222;pling&#8220;: Wenn das für einzelne funktioniert, wieso nicht auch für Gemeinschaften von Menschen?</p>
<p>Wenn uns jetzt die Zukunftsfragen so sehr beuteln, wie können wir unser ganzes Potenzial an Wissen und Können als Gesellschaft besser ausschöpfen? Kann es sein, dass wir noch etwas zu lernen haben? Kann es sein, dass wir auf die Frage: Wer ist wir? &#8211; gerade ziemlich verkrampft reagieren?</p>
<h4>Zerreissende Zukunftsfragen brauchen ein entspannteres Deutschsein</h4>
<p>Die Gegenwart mit ihren Herausforderungen baut sich gerade drohend vor uns als Gesellschaft auf. Die Frage ist: Wie schaffen wir es als Gesellschaft, gute Antworten zu finden auf die Spaltung der Generationen und der Gesellschaft entlang von Reichtum und Armut? Wie kriegen wir die Kurve, um uns an immer größere Veränderungen unserer Umwelt anzupassen ohne die Gesellschaft zu zerreissen? Wie schaffen wir es, diese polarisierenden Fragen in einer Weise zu bearbeiten, dass alle auf Augenhöhe mitreden und mit-entscheiden können, die dazu gehören? Oder polarisiert sich diese Gesellschaft weiter, entlang von Identitäten, die nur noch innerhalb ihrer Kommunikationsblasen Verständnis und Empathie mit einander teilen? Für die es aber darüber hinaus kein &#8222;Wir&#8220; mehr gibt? Vermutlich treibt mich das Thema deswegen so um, weil ich das Konzept des <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/">Composite Heritage</a> im Hinterkopf habe.</p>
<h4>Was lehrt uns unsere Geschichte über unser großes &#8222;Wir&#8220;?</h4>
<p>Es gibt bessere und schlechtere Antworten auf die Zukunftsfragen. Mich interessieren die besseren. Das sind Antworten, die Menschlichkeit atmen. Dazu gehören Fragen wie:</p>
<p>Wie vermeiden wir Lösungen auf Kosten anderer Menschen? Was können wir tun gegen den Hang, sich zurückzuziehen, sich abzuschotten und &#8222;Andere&#8220; &#8211; wer immer das dann im Einzelfall ist &#8211; auszugrenzen?  Lassen sich diese ausgrenzenden, nur noch polarisierenden und polemisierenden Debatten überwinden? Was führt zu diesen reflexhaften Wegbeiß-Reaktionen?</p>
<h4>Vom ausgrenzenden zum entspannteren Deutschsein</h4>
<p>Die deutsche Gesellschaft hat intensive Erfahrungen mit dem Ausgrenzen von Menschen, mit dem <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/auschwitz-und-die-wuerde-des-menschen/">Zerstören und Zerstückeln</a> eines demokratischen &#8222;Wir&#8220; gemacht. Deswegen ist es ja so wichtig, diese Vergangenheit genau zu betrachten, sie anzunehmen und aus ihr zu lernen. Ich frage deshalb jetzt: Wer gehört zu dem &#8222;Wir&#8220;, das hier in diesem Land mit einander reden muss? Was ist überhaupt &#8222;unsere&#8220; Geschichte? Wo müssen oder sollen &#8222;wir&#8220; ankommen?</p>
<h4>Was hat ein entspannteres Deutschsein mit alledem zu tun?</h4>
<p>Es ist die Frage nach dem &#8222;Wir&#8220;. Ein Teil dieser Antwort hat etwas mit der Identität als Deutsche oder Deutscher zu tun. Deutsch im Sinne als Teil eines Staatsvolkes, das der letzte, tiefste Souverän ist, solange es noch Staaten gibt. Dieses Volk, das ich meine, ist den älteren unter uns bereits leibhaftig begegnet. Zum Beispiel am 9. Oktober 1989 auf dem Ring in Leipzig, an einem Montag<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></p>
<p>Aber ich greife vor&#8230;</p>
<h4>Zuversichtlicher Ausblick trotz mancher Untiefen auf der Reise</h4>
<p>Mein bisheriger Reiseverlauf hat mich überraschender Weise eher zuversichtlich gemacht. Unter vielen Schlacken gilt es einen Schatz zu heben: die Aussicht auf ein friedvolles, herzensoffenes und neugieriges Deutschsein. Lernen Sie diesen Schatz mit mir kennen.</p>
<h3>Die bisherigen Etappen im Überblick</h3>
<p>Einleitung: Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 1</a>: Identität und Deutschsein</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 2:</a> Deutschsein mit Composite Heritage erkunden</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 3:</a> Ankommen in der eigenen Geschichte</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Welches Volk meine ich? Fahren Sie nach Leipzig, gehen Sie in das Zeitgeschichtliche Forum und begeben sich im 2. Stock zu den Filmmitschnitten vom 9. Oktober in Leipzig. Stichwort: &#8222;Friedliche Revolution&#8220;. Dann wissen Sie, welches Volk ich meine. Zwar habe ich die Zeit selber miterlebt und mitgefiebert. Aber so richtig verstanden, was da passiert ist, habe ich erst in diesem Sommer bei meinem letzten Besuch. Bin gespannt, wie es Ihnen geht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Frieden im inneren Familiensystem</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Apr 2018 14:23:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Coaching]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeitspraxis]]></category>
		<category><![CDATA[Dialog]]></category>
		<category><![CDATA[Gehinforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Inneres Familiensystem]]></category>
		<category><![CDATA[respektvoll]]></category>
		<category><![CDATA[Selbst]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Teilpersönlichkeiten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Frieden bricht aus... - im Inneren Familiensystem Vom Chaos... In diesem Blog geht es um lauter interessante Leute. Die sind alle in meinem Kopf und in meinem Körper. Sie gehören zu meinem inneren Familiensystem. Manche haben dauernd was zu meckern. Andere hetzen mich von einem Termin zum nächsten - Hauptsache es wird was geschafft. Aber  [...]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Frieden bricht aus&#8230;</strong></h1>
<h3><strong>&#8211; im <em>Inneren Familiensystem</em></strong></h3>
<h4>Vom Chaos&#8230;</h4>
<p>In diesem Blog geht es um <strong>lauter interessante Leute</strong>. Die sind alle in meinem Kopf und in meinem Körper. Sie gehören zu meinem <strong>inneren Familiensystem</strong>. Manche haben <strong>dauernd was zu meckern</strong>. Andere <strong>hetzen</strong> mich von einem Termin zum nächsten &#8211; Hauptsache es wird was geschafft. Aber gelobt wird eigentlich nie&#8230; Manche sind manchmal <strong>richtig sauer</strong> und dann total fies zu anderen. Manche anderen <strong>hocken in meinem Keller</strong> und trauen sich nicht raus. Zum Glück habe ich mit all denen (die ich bislang kennen gelernt habe) meinen Frieden machen können! Wie das?</p>
<h4>&#8230;zum heilsamen inneren Gespräch</h4>
<p>Ich habe was über sie <strong>verstanden</strong>. Warum sie da sind und <strong>warum sie das machen</strong>, was sie machen. Warum sie manchmal so völlig bescheuerte Ansichten haben und woher das kommt. Und dass sie ALLE, JA! tatsächlich <strong>ALLE etwas Gutes</strong> in meinem Leben wollen. Seitdem herrscht Frieden. Und wenn sich noch jemand meldet, dann reden wir. Ich <strong>weiß jetzt wie</strong> ich das tun muss. Damit es funktioniert und damit Vertrauen entstehen kann. Zwischen dem und mir.</p>
<h4><strong>Innere Antreiber und Kritiker sorgsam erforschen</strong></h4>
<p>Viele Menschen wünschen sich, <strong>einengenden Mustern</strong> und Reaktionsweisen zu entkommen. Sie haben genug von abwertenden Dialogen oder <strong>kritischen Monologen</strong> in ihrem Inneren. Doch wie kann das gehen? Ein heilender, helfender Ansatz handelt vom <strong><em>Inneren Familiensystem</em></strong> (ifs). Der Familientherapeut und Systemiker Richard Schwartz hat ihn seit den 1980er Jahren entwickelt. Das <em>Innere Familiensystem</em> betrachtet das innere System eines Menschen wie eine <strong>eigene innere Welt</strong>, bevölkert vom <strong>Selbst</strong> und von <strong>Teilpersönlichkeiten</strong>.</p>
<h4><strong>Die Qualitäten des eigenen Buddha entdecken </strong></h4>
<p>Im Zentrum steht unser Selbst. In ihm fühlen wir uns <strong>ruhig, gelassen</strong>, neugierig und offen. Wir empfinden <strong>Mitgefühl</strong> und tief empfundenes <strong>Interesse</strong> an anderen Menschen. Diese Qualitäten spüren wir deutlich dann, wenn wir mal ganz mit uns im Reinen sind. Man muss diese Qualitäten also nicht extra erlernen, sondern muss manchmal &#8222;einfach nur&#8220; zu ihnen durchdringen. Es ist eine beeindruckende Erfahrung, dass es möglich ist, sogar sehr intensive Gefühle oder Gedanken &#8222;beiseite&#8220; zu bitten &#8211; wie eine Person, die einem im Wege steht &#8211; und zu merken, dass die das dann auch tatsächlich tun.</p>
<div id="attachment_2643" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2643" class="wp-image-2643 size-medium" src="https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-300x200.jpg" alt="Selbst und Teilpersönlichkeit im Inneren Familiensystem" width="300" height="200" srcset="https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-200x133.jpg 200w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-300x200.jpg 300w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-400x267.jpg 400w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-600x400.jpg 600w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-768x512.jpg 768w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem-800x533.jpg 800w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Selbst-und-Teilpersoenlichkeit-im-Inneren-Familiensystem.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2643" class="wp-caption-text">Selbst und Teilpersönlichkeit im Inneren Familiensystem</p></div>
<h4><strong>Die Aufträge der Teilpersönlickeiten erkennen</strong></h4>
<p>Das Selbst ist meist im Hintergrund. Den Alltag meistern die Manager. In Stresssituationen springen die &#8222;Beschützer&#8220; an und wollen neue Verletzungen verhindern und für Sicherheit im Gesamtsystem sorgen. Außerdem halten sie den verletzten Teil (die &#8222;Verbannten&#8220;) in Schach. Droht dies zu scheitern, kommen die &#8222;Feuerbekämpfer&#8220; zum Zuge. Das erklärt, wieso es vorkommen kann, dass man sich wie &#8222;neben sich&#8220; oder &#8222;fremdgesteuert&#8220; oder vom eigenen Handeln &#8222;überrumpelt&#8220; fühlt. Teilpersönlichkeiten übernehmen dann die Regie.</p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<div id="attachment_2644" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2644" class="wp-image-2644 size-medium" src="https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-300x214.jpg" alt="Dialog im Inneren Familiensystem" width="300" height="214" srcset="https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-200x143.jpg 200w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-300x214.jpg 300w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-400x286.jpg 400w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-600x429.jpg 600w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-768x549.jpg 768w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem-800x572.jpg 800w, https://www.dr-barbara-mueller.com/wp-content/uploads/2018/04/Dialog-im-Inneren-Familiensystem.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2644" class="wp-caption-text">Dialog im Inneren Familiensystem</p></div>
<h4><strong>Den inneren Dialog erlernen, Ängste sorgsam beruhigen und Vertrauen zu den Teilpersönlickeiten aufbauen</strong></h4>
<p>Mit Hilfe des <em>ifs</em> startet ein inneres Kennenlernen. Dies wird gesteuert durch das Selbst. Natürlich gibt es Teile, die Angst vor dem haben, was im Inneren &#8222;lauert&#8220;. Niemals wird über diese Sorge hinweg gegangen. So entsteht ein sorgsames und zutiefst respektvolles Vorgehen. Wenn Teile das Selbst kennenlernen, ist das oft überraschend. Denn die im Autopilot befindlichen Teile erkennen erstmals, dass sie in einem größeren Haus zu Hause sind und dass sie mit ihrer Aufgabe nicht allein bleiben. Der Effekt dieser Erfahrung ist eine spürbare Entspannung auf der körperlichen Ebene. Bislang extrem agierende Teile können moderatere Rollen einnehmen. Die Anfälligkeiten für Trigger sinkt in dem Maße, wie die verschiedenen Teile Vertrauen zum Selbst entwickeln und sich von ihm angenommen und aufgehoben fühlen.</p>
<h4>Zu schön, um wahr zu sein? Auswege aus dem inneren Hamsterrad und Wege zum ifs</h4>
<p>Das klingt wie schöne Theorie, aber &#8222;Ich bin bestimmt zu blöd für sowas.&#8220; Das höre ich manchmal, wenn ich von ifs erzähle. Wahr ist, dass erst das eigene Erleben die Gewissheit gibt, dass das funktioniert. Da bleibt irgendwann nur noch das <strong>Ausprobieren</strong>. Auf der Seite von ifs-Europe gibt es eine Liste ausgebildeter Coaches und Therapeutinnen, mit denen man eine ifs-Sitzung machen kann. Hier kann man gucken, wer in der eigenen Umgebung ist. Es gibt auch die Möglichkeit, per skype ifs zu machen, so dass man nicht auf eine Person in der eigenen Gegend angewiesen ist. Näheres findet sich auf dieser Plattform: <a href="http://www.ifs-europe.net/therapeuten-und-coaches/nach-region/plz-5/barbara-mueller/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ifs-europe.net</a></p>
<p>Ausprobieren im Hunsrück kann man ifs auch bei mir, dazu kann man mit mir Kontakt aufnehmen: telefonisch 06543-980096 (AB) oder per Mail an info@dr-barbara-mueller.com.</p>
<p>Hilfreich sind auch ein <strong>paar gute Bücher</strong>, die ifs erläutern und die als Selbstlern-Arbeitsbücher angelegt sind. Eigentlich haben alle Bücher, die ich hier unten aufliste, <strong>praktische Übungen</strong>. Einige haben, wie das von Jay Earley, <strong>Schritt-für-Schritt-Anleitungen</strong>. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es hilfreich ist, die ersten inneren Dialoge mitzuschreiben. Das Schreiben verlangsamt und man kriegt besser mit, wenn auf einmal ein neuer Teil sich zu Wort meldet. Wenn man in die Bücher reinschaut, wird man &#8211; je nachdem ob das ein geeigneter Lernweg für einen ist, schon mal herausfinden, ob da etwas im eigenen Inneren anklingt. Dann könnte es sein, dass das eine Sache ist, die sich für einen selber lohnt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Hier die Bücher, die ich hilfreich fand</h4>
<p>Thomas Dietz/Ingeborg Dietz, Selbst in Führung. Achtsam die Innenwelt meistern. Wege zur Selbstführung in Coaching und Selbst-Coaching, Paderborn 2012.</p>
<p>Jay Earley, Meine innere Welt verstehen. Selbsttherapie mit Persönlichkeitsanteilen, München 2014.</p>
<p>Jay Earley/Bonnie Weiss, Befreiung vom Inneren Kritiker. Konstruktive innere Dialoge führen ; systemische Therapie mit der inneren Familie (Reihe aktive Lebensgestaltung : Innere Versöhnung), Paderborn 2015.</p>
<p>Tom Holmes/Lauri Holmes, Reisen in die Innenwelt. Systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen, 7. Auflage, München 2010.</p>
<p>Richard C. Schwartz, IFS Das System der Inneren Familie. Ein Weg zu mehr Selbstführung, Norderstedt 2012.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/frieden-im-inneren-familiensystem/">Frieden im inneren Familiensystem</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ein neues Ich: Selbstversuch mit Dispenza</title>
		<link>https://www.dr-barbara-mueller.com/ein-neues-ich-selbstversuch-mit-dispenza/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jan 2018 09:20:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Coaching]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeitspraxis]]></category>
		<category><![CDATA[Gehinforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstentwicklung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Joe Dispenza verspricht in seinem Buch "Ein neues Ich" in vier Wochen. Dazu mache ich gerade einen Selbstversuch, genauso wie mit allen interessanten Ansätzen zur Selbstentwicklung. Das Spannende an Dispenza ist, dass er Hirnforschung und Lebenspraxis sehr gut nachvollziehbar zusammenbringt. Seine Meditationsanleitung erschließt sich Verstandesmenschen sehr gut, denn er leitet jeden Schritt aus der Logik ab, wie das Gehirn funktioniert und was es zur Veränderung braucht. Seine Analyse der alltäglichen Routinen und Beschränktheiten ist ein bisschen erschreckend. Der Ausblick in das uns umgebende Quantenfeld, das uns das erleben lässt, was wir an Wünschen und Erwartungen hineingeben, ist gewöhnungsbedürftig. Aber wenn der Mann Recht hat, ist es höchste Zeit, die eigenen inneren Überzeugungen einmal genauer auf den Prüfstand zu stellen. Vielleicht ist ja doch noch mehr vom eigenen Potenzial ins Leben zu bringen? In diesem Blog berichte ich fortlaufend von meinen Erfahrungen in diesem Selbstversuch.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ein-neues-ich-selbstversuch-mit-dispenza/">Ein neues Ich: Selbstversuch mit Dispenza</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1>Ein neues Ich: Selbstversuch mit Dispenza</h1>
<h3>Ein neues Ich &#8211; ein Selbstversuch</h3>
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<h4>Selbstversuch: Ein neues Ich ? Wozu das ?</h4>
<p>&#8222;Vom Quantenfeld hast Du schon gehört?&#8220;, fragt mich meine Supervisorin, und ich runzle die Stirn. &#8222;Ja schon,&#8220; sage ich, und das wird der Beginn meines aktuellen Selbstversuchs. Was hat Quantenphysik mit Lebenssinn und Selbstentwicklung zu tun? Neugierig geworden, hole ich mir das empfohlene Buch von Joe Dispenza: Ein neues Ich. Es verspricht mir: &#8222;Wie Sie Ihre gewohnte Persönlichkeit in vier Wochen wandeln können&#8220;. Ok!? Will ich das überhaupt?</p>
<p>Egal. Es liest sich gut, ich habe es mir vorgenommen und schaffe es in den Weihnachtstagen durchzulesen. Viele Spickzettel kleben nun in den Seiten. Sie warten auf die Umsetzung. Denn was Diszpenza an manchen Stellen ausführt, darin erkenne ich mich wieder, und es gefällt mir gar nicht so.</p>
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<h4>Ernüchternde Erkenntnisse über das Versacken in Routinen</h4>
<p>Ich halte viel von den aktuellen Erkenntnissen der Hirnforschung und Neurowissenschaften. Dispenza kennt sich darin aus. Er beschreibt, was im Gehirn passiert, wenn ich meinen Alltag, mein vertrautes Leben lebe. Das Gehirn merkt sich meine Umwelt und wie ich auf sie reagiere. Tue ich das immer in der gleichen Weise, merkt es sich auch das. So spielen sich bestimmte Reaktionsweisen so sehr ein, dass sie quasi automatisch ablaufen. Mein inneres neuronales Netzwerk weiß dann schon, wie ich mich fühlen werde, was ich sagen werde, was ich vermutlich denken werde. Es verankert mich fest in den Gewohnheiten, die es abspult. Ich lebe aus den Erinnerungen und Erfahrungen, und meine Erwartungen speisen sich aus dem, was mir vertraut ist &#8211; was soll schon anderes kommen? Ein selbstgebautes Hamsterrad!</p>
<p>Und so wird mein Geist, werden meine Reaktionsweisen und wird mein Leben eigentlich immer beschränkter. Denn wenn mein Denken auf die leere Hälfte des Glases gepolt ist, werde ich nur noch die leere Hälfte sehen und auch nicht mehr erwarten, dass mal ein volles Glas auftaucht. Oder, wenn das geschieht, werde ich denken &#8211; hier läuft was falsch, warum ist das Glas so voll? Und weil ich nicht nach vollen Gläsern Ausschau halte, sie nicht herbeisehne und mir gar nicht vorstellen kann, was ich damit dann tun soll, deswegen werden sie auch nicht auftauchen. Denn hier schlägt das Gesetz des Quantenfeldes zu.</p>
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<h4>Das Gesetz des Quantenfeldes: Worauf sich Aufmerksamkeit, Absicht und Emotion richten, das wird sich zeigen!</h4>
<p>Dispenza verknüpft zum Glück leserlich und nachvollziehbar moderne Quantenphysik und meine Lebenswirklichkeit. Auf den Punkt gebracht, ist im Atomkern &#8211; nichts &#8211; außer Energie mit Information. Wenn allerdings ein forschendes, aufmerksames Auge dieses Feld betrachtet, entdeckt es kleine Teilchen. Diese zeigen sich also erst, wenn jemand etwas von ihnen will. Und das heißt, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, die sich dann zu einem Ereignis in der Wirklichkeit zusammenfinden, wenn ein wollender und suchender Geist nach ihnen Ausschau hält. Dispenza lädt in seinem Buch ein, dieses Potenzial anzuzapfen. Er möchte mich also zu einer besseren Beobachterin meiner Zukunft werden lassen. An dieser Stelle verknoten sich ein paar Gehirnwindungen in meinem Verstand, weil es ist doch viel Theorie. Also wieder zurück in meine Lebenswirklichkeit.</p>
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<h4>Was ist, wenn der Mann Recht hat?</h4>
<p>Also mal gesetzt den Fall, der Mann hätte Recht?! Was heißt das für mein Leben? Das, was ich in meinem tiefsten Inneren wirklich erwarte, wird sich zeigen! Was erwarte ich denn in meinem tiefsten Inneren wirklich? Worauf richtet sich meine Energie? Was sind meine Absichten? Welche Überzeugungen leiten mich? Was &#8211; wenn der Mann Recht hat &#8211; schicke ich also ohnehin dauernd und ständig in das Quantenfeld voller Möglichkeiten?</p>
<p>Höchste Zeit, die Liste der eigenen inneren Überzeugungssätze einmal hervorzukramen. Eigentlich halte ich mich nicht für soooo&#8230; beschränkt.  Aber als ich anfange, mir die ein oder andere meiner inneren Überzeugungen einmal genauer anzuschauen &#8211; erkenne ich mit Schrecken, wie begrenzt sie sind. Ok, denke ich mir: Vier Wochen&#8230; Der Selbstversuch startet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Anleitung für den Selbstversuch</h4>
<p>Zum Glück ist Dispenzas Buch ein Arbeitsbuch. Denn Übung macht die Meisterin. Die Aufgabe für die erste Woche ist einfach: Ich höre mir einmal am Tag eine geführte Selbsthypnose an, eine sogenannte &#8222;Körperinduktion&#8220;. Die habe ich mir schnell aufgesprochen. Es geht um die Wahrnehmung meines Körpers im Raum. Damit soll ich von den Frontallappen umschalten auf einen anderen Gehirnteil, das Cerebellum. Dort sitzt der Lagesinn des Körpers. Und der denkt nicht, sondern er spürt. Außerdem läuft er auf anderen Gehirnwellen als der wache, aufmerksame Verstand.</p>
<h4></h4>
<h4>Ich baue erste neue neuronale Netzwerke</h4>
<p>Ich mag immer sehr, wenn mir Leute erklären können, was ich tun soll. Und zwar so, dass ich das verstehe. Meditationen mache ich schon lange. Dispenza leitet jeden Schritt, den ich tun soll, aus der Logik ab, wie das Gehirn arbeitet. Meinem Verstand hilft das sehr, sich auf das Experiment einzulassen.</p>
<p>Was ich also mit der Induktionsübung mache, ist eine Vorbereitung für die späteren Meditationen. Das wiederholte Üben legt ein neues neuronales Netzwerk im Gehirn an. Während der Übung fahren die Gehirnwellen herunter. Dadurch kommen wir in Kontakt mit dem Körper und dem Unbewussten, wo wir später die Veränderung erreichen wollen.</p>
<p>Die Anleitungen zwingen uns zum Fühlen und Spüren, und das wiederum schaltet den analytischen Verstand aus. D.h. wir denken weniger, wenn wir die Aufmerksamkeit bewusst auf bestimmte Körperteile lenken. Und wenn wir die Aufmerksamkeit breiter machen, z.B. auf den Körper als Ganzen und seine Umgebung, dann wechseln wir in den Fokus einer breiten, stillen Aufmerksamkeit. Und in dieser Qualität der Aufmerksamkeit können sich die Gehirnwellen wunderbar synchronisieren und ordnen. Das kann ein Gehirnscan messen, aber das kann man an der eigenen größeren Klarheit und Fokussiertheit auch selber spüren. Na, denn los!</p>
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<h4>Selbstversuch Woche 1: Körperteil-Induktion</h4>
<p>Mit jeder dieser kleinen Übungen schalte ich jeden Tag einmal gezielt und bewusst um in einen anderen internen Modus. Natürlich fühlt sich das sofort anders an: &#8222;&#8230; ich spüre meine Lippen im Raum&#8230;&#8220; Ja, dort, wo die Lippen sind, kribbelt es, wenn ich sie mir vorstelle. Obwohl ich nicht dahin gucken kann, weiß ich haargenau, wo meine Lippen sind! Faszinierend, wie anders die Wahrnehmung  ist!</p>
<p>Und so bin ich allein ob dieser kleinen Wahrnehmungsübung froh mit dem Buch und freue mich tatsächlich jeden Tag von Woche 1 auf dieses bewusste Umschalten. Außerdem verläuft es nie gleich. Meine Wahrnehmung vom Raum &#8222;um meinen Körper herum&#8220; fühlt sich mal sehr komisch an. Mal spüre ich, welche Körperwärme mein Körper abgibt. So von außen habe ich mich noch nicht so oft be&#8220;fühlt&#8220;, sollte ich wohl sagen. Aber auch hier weiß ich ganz genau über die Abgrenzungen meines Körpers im Raum Bescheid. Was sind wir doch für ein Wunderwerk, wir Menschen!</p>
<h4></h4>
<h4>Selbstversuch Woche 2: Weiter üben!</h4>
<p>So, nun habe ich einen kleinen Anfang, der mir Freude macht und den ich in mein Leben einbauen kann. Ich brauche auch nicht zu hetzen, denn die vier Wochen sind nicht so ernst gemeint. Ich darf mir meine eigene Zeit für jeden Schritt nehmen &#8211; Hauptsache ich tue ihn. Bevor ich zum nächsten Schritt übergehe, werde ich auf jeden Fall auch noch die zweite Vorbereitungsübung ausprobieren, nämlich die des &#8222;aufsteigenden Wassers&#8220;. Das kann ich mir sehr entspannt vorstellen. Allerdings beschleicht mich ein mulmiges Gefühl, wie sich das wohl anfühlen wird, wenn Mund und Nase im Wasser versinken werden. Wie soll ich dann Luft kriegen? Damit also beschäftigt sich mein wacher Verstand schon mal. Ich erkenne darin, wie meine Routine, sich Sorgen über die Zukunft zu machen, anspringt. Diese Sorge kann ich aber ganz gut beruhigen, und so wird die Entdeckungsreise in eine neue Runde gehen.</p>
<h4></h4>
<h4>Selbstversuch Woche 3: Ab ins Wasser!</h4>
<p>Die zweite Induktion lässt den Körper Schritt für Schritt in warmem Wasser versinken. Ja, kann ich mir alles gut vorstellen. Erinnerungen kommen hoch und bringen Körperempfindungen mit. Langsam in der Badewanne einsinken&#8230; Dann kommt die Schlüsselstelle: Das Wasser steigt über Mund und Nase. Was jetzt wohl passiert? Werde ich Beklemmungen bekommen? Werde ich innerlich aussteigen? Nix da! In diesem Moment formt sich in mir ein Bild, dass ich Kiemen habe. Rechts und links an meinen Seiten&#8230; Durch die kann ich ganz locker das Wasser in mich hineinpumpen, den Sauerstoff rausholen. Ich muss lachen bei dieser Vorstellung, die mir mein kreatives Gehirn schenkt. In den folgenden Tagen bekomme ich unterschiedliche Bilder geschenkt, wie ich unter Wasser Luft bekomme. Irgendwann ist das alles dann kein Thema mehr.</p>
<p>Diese Übung schenkt mir einen Moment, der mich auch im Alltag begleitet: Wenn ich ganz im Wasser versinke, dann bin ich wirklich vom Rest abgetrennt, der mich sonst umgibt. Es ist wie eine Membran. Das drinnen ist mein Raum. Alles andere ist draußen. Es gibt manche Tage, wo mir die Außenwelt mit all ihren Aktivitäten und Anforderungen sehr dicht auf der Pelle sitzt. So, dass ich mich kaum auf diese kleine Meditation konzentrieren kann. Aber immer, wenn diese Stelle kommt, macht es wie &#8222;Plop!&#8220; und ich bin losgelöst davon. Das allein ist ein Geschenk, das ich nicht mehr missen möchte.</p>
<p>So langsam werde ich wirklich neugierig auf das, was noch kommt.</p>
<h4>Selbstversuch Woche 8&#8230;. Ich möchte es nicht mehr missen&#8230;</h4>
<p>Was ist passiert? Die  Meditation gehört für mich inzwischen zum Alltag. Es gibt kaum einen Tag ohne sie. Und es gibt Veränderungen, vor allem in meiner Aufmerksamkeit. Ich bekomme viel schneller mit, wenn zum Beispiel Muster von Selbstabwertung anspringen oder sich schlechte Laune anschleicht. Ich habe gelernt, dann sofort zu reagieren. Und es hilft. Es fällt mir auf diese Weise leichter, aus dem alten Automatismus auszusteigen.</p>
<p>Die Meditation verläuft in festgelegten Schritten, die ich nach und nach gelernt und eingeübt habe. Dadurch habe ich schnell Routine gewonnen, was ich machen soll und wie. Der letzte große Schritt ist, den Gedanken eine positive Absicht zu geben und es macht mir große Freude, mir Positives vorzustellen und quasi mit Gedankenkraft einen Wunsch in die Welt zu schicken. Das ist jedenfalls viel besser als zu Grübeln und im Negativen zu verharren. Auf diese Weise lerne ich, sehr viel bewusster mit meinen Gedanken umzugehen. So &#8222;gedankenverloren&#8220; wie früher wandern die auf jeden Fall nicht mehr in meinem Kopf herum. Denn das führt, so lehrt nun die Erfahrung und Beobachtung, sehr schnell in altes Kopfkino. Nun habe ich gelernt, dieses abzustellen. Dann ist einfach mal nichts los in meinem Kopfkino&#8230; Heute keine Vorstellung&#8230; Es ist der Hammer, wie entspannt sich das anfühlt!</p>
<h4>Die Antwort aus dem Quantenfeld</h4>
<p>Auf das letzte Mysterium warte ich noch. Das ist, wenn sich mir &#8222;die Antwort aus dem Quantenfeld&#8220; in überraschenden Ereignissen zeigt. Sobald das eintritt, melde ich mich. Bis dahin hat sich der Preis fürs Buch auf jeden Fall gelohnt.</p>
<h4>Am Stil sollte es nicht scheitern&#8230;</h4>
<p>Neulich habe ich das Buch weiterempfohlen. Es kam aber nicht gut an. Der Stil, in dem es geschrieben ist, war zu abschreckend. Ich verstehe, was gemeint ist. Es wird sehr dick aufgetragen. In den Beispielen wird quasi der Tellerwäscher zum Millionär, Kranke heilen sich selbst, und dank dieser Methode wird die universale Macht angezapft. Wie gesagt, auf letztere warte ich noch.</p>
<p>Ich bin aber bereits dankbar mit dem, was mir begegnet ist:</p>
<ul>
<li>eine fundierte Methode, aus alten neuronalen Netzwerken auszusteigen</li>
<li>ein Lernweg, um neue, bessere neuronale Netzwerke anzulegen und zu pflegen</li>
<li>sehr gutes Gehirnfutter, um zu verstehen, wie Gedanken, Gefühle und Körper zusammenspielen, um die alten Muster aufrechtzuerhalten</li>
<li>gut verständliche Informationen über das Zusammenspiel von Bewusstem und Unbewusstem und um Wege, das Unbewusste anzusprechen und zu verändern</li>
<li>eine sehr gute Erklärung, was es mit dem andauernden Stresszustand, dem &#8222;Überlebensmodus&#8220;, auf sich hat, und welche Konsequenzen das für unser Wohlbefinden und Menschsein hat</li>
<li>eine sehr verständliche Einführung in Gehirnwellenmuster und wie ich selber für ein besseres Zusammenspiel meiner Gehirnteile sorgen kann. (So entdeckte ich die  brainwaves&#8230;)</li>
</ul>
<h4> Ein neues Ich?</h4>
<p>Mein bisheriges Fazit ist dieses. Neu bin ich nicht, aber ein bisschen runderneuert schon. Das freut mich sehr und ich bin dankbar für den Versuch, nach dem vieles anders ist als vorher. Und der weitergeht.</p>
<h3>Das Buch, um das es geht</h3>
<p>Das ist der Ansatz: Joe Dispenza, Ein neues Ich. Wie Sie Ihre gewohnte Persönlichkeit in vier Wochen wandeln können ; [Praxisbuch], 8. Auflage, Burgrain 2017.</p>
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