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	<title>composite heritage Archive - Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</title>
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	<description>Coaching . Prozessbegleitung . Moderation</description>
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	<title>composite heritage Archive - Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</title>
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		<title>Generationslast aus der Geschichte &#8211; Etappe 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Nov 2019 11:26:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Generationslast aus der Geschichte Die Opferlast der Eltern Meine Eltern sind in einer mörderischen und verführerischen Gesellschaft aufgewachsen. Sie hätten etwas Besseres verdient! Ich beginne zu erspüren, was sogar bei mir davon fühlbar ist. Bei mir, ihrer Tochter, und schon eine Generation weiter. Ich beginne, die Generationslast aus der Geschichte bei meinen Eltern zu sehen.  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/generationslast/">Generationslast aus der Geschichte &#8211; Etappe 4</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1>Generationslast aus der Geschichte</h1>
<h3>Die Opferlast der Eltern</h3>
<p>Meine Eltern sind in einer mörderischen und verführerischen Gesellschaft aufgewachsen. Sie hätten etwas Besseres verdient! Ich beginne zu erspüren, was sogar bei mir davon fühlbar ist. Bei mir, ihrer Tochter, und schon eine Generation weiter. Ich beginne, die Generationslast aus der Geschichte bei meinen Eltern zu sehen. Zunächst sehe ich ihre Last als Opfer eines mörderischen Systems.</p>
<h3>Die Generationslast aus der Geschichte blieb mir lange verborgen</h3>
<p>Dieser Schritt beginnt auf der Rückkehr von einem Seminar in der Fortbildung zum <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ifs</a>-Coach. Es geht um Trauma und Traumabearbeitung. Auf der Heimfahrt kann ich quasi zuschauen, wie der Groschen pfennigweise fällt. Kann es sein&#8230;. kann es sein, dass ich mit Menschen groß geworden bin, die in ihrem Leben ein Trauma durchlebt haben? Etwas in mir sagt: Natürlich, wie blöd kann man sein&#8230;.? In meinem Kopf war der Gedanke immer schon denkbar. Der Unterschied jetzt ist, dass diese Möglichkeit eine Empfindung in meinem Körper auslöst. Aus dem ifs weiß ich: Da fühlt sich eine Erfahrung angesprochen &#8230; und beginnt zu antworten.</p>
<h4>Großwerden mit Bomben und Verlust: Generationslast meiner Mutter</h4>
<p>Welche Spuren hat die Erfahrung des Krieges bei meiner Mutter hinterlassen? 1939 war sie 14, 1945 wurde sie 20. Meine Mutter erinnert die Bombennächte im Keller und dass sie sich vorgenommen hat, ihr Herz an keinen Jungen zu vergeben, die im Krieg verschwanden.</p>
<h4>Erwachsenwerden mit dem Töten und Sterben: Generationslast meines Vaters</h4>
<p>Mein Vater ist mit 16 zur Polizei gegangen und wurde von dort eingezogen. Von 1942 bis Kriegsende war er Soldat an der Ostfront. Über das Regiment meines Vaters gibt es, so erfahre ich jetzt, ein Buch<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a>. Drei Dinge aus dieser Lektüre brennen sich mir ein: Ein Leben im Dauerstress im Schützengraben. Kameradschaft erleben oder untergehen. Eine gnadenlose entweder-oder-Situation. Und das über Jahre. Zum Schluss verfranselt das Buch in lauter einzelne Begebenheiten, von denen die Überlebenden noch berichten konnten. Ein Regiment gab es da schon nicht mehr, es war aufgerieben und zerrissen im dauernden Rückzug.</p>
<h4>Der Vorhang hebt sich &#8211; die Generationslast wird spürbar</h4>
<p>Mein Vater erzählte nicht viel und Verschiedenes an verschiedene Leute über den Krieg. Eine Erzählung geht so:  Er habe als MG-Schütze immer über die Köpfe der Angreifer hinweg geschossen. Nach der Lektüre der Regimentsgeschichte begreife ich, dass das nicht stimmen kann. Das hätte er nicht überlebt und die Kameraden auch nicht.</p>
<p>Und dann kommt der Abend, an dem bisherige blinde Flecken einer Erkenntnis weichen, die mich zutiefst erschreckt.  Ich schaue mal wieder in das Soldbuch meines Vaters. Schon seit vielen Jahren hatte ich es immer mal wieder  in der Hand und drin geblättert und gelesen. An diesem Märzabend, es ist der 10.3.2017, schaue ich es mir wieder an. Ich lese mal wieder, dass es einen Nahkampfeintrag vom 11.3.1943 gibt.</p>
<p>Der 11. März, das ist der Geburtstag meines Vaters! Das war sein 20. Geburtstag!</p>
<p>Nahkampfeintrag!</p>
<p>Das heißt, er hat an diesem Tag aus nächster Nähe einen anderen Soldaten getötet. Da ist er 19, wird gerade 20! Männer mit 19 &#8211; das sind für mich große Jungen! Spüren, was man liest ist was anderes als lesen und nix verstehen&#8230;</p>
<h4>Die Generationslast wird in den eigenen Knochen spürbar</h4>
<p>Der nächste Morgen ist der Geburtstag meines Vaters <strong>und</strong> der Jahrestag dieses Ereignisses. Damals hieß es für ihn: Er oder ich.</p>
<p>Ich sitze an diesem Tag beim Frühstück und denke: Ohne das Töten meines Vaters an diesem und an späteren Tagen säße ich jetzt nicht hier&#8230; Wie kann es sein, dass ich das wieder und wieder gelesen habe und nichts dabei gefühlt habe? Nun sitze ich da und bin ein bisschen zittrig. Denn um ein Haar hätte es mich gar nicht gegeben. Und auch mich gibt es nur deswegen, weil es die Kinder des russischen Soldaten nicht geben konnte, den mein Vater getötet hat.</p>
<h3>Jede Generation trägt ihre eigene Last &#8211; und verdient Mitgefühl dafür</h3>
<p>Überrascht stelle ich in der Folgezeit fest, wie sich meine Perspektive auf die Generation meiner Eltern verändert. Ich sehe sie immer mehr als die Heranwachsenden, die sie damals waren. Als junge Leute, die in diesem Irrsinn irgendwie überleben wollten. Ich sehe mich weniger als das Kind dieser Personen, sondern als die Erwachsene, die ich jetzt bin. Mit den jungen Leuten von damals habe ich ein großes Mitgefühl.</p>
<p>Nun will ich genauer wissen, wo mein Vater war.</p>
<p>Ich recherchiere nach seiner Einheit und besorge mir die Regimentsgeschichte, in der Hoffnung, irgendwas &#8211; ja was? &#8211; zu finden.</p>
<p>Dann starte ich eine Nachfrage bei der Wehrmacht-Auskunftsstelle nach den Aufenthaltsorten meines Vaters im Krieg. Das hatte ich &#8222;eigentlich&#8220; schon immer vorgehabt, mich aber nie getraut. Nun ist es so weit, ich kann es tatsächlich tun, denn nichts in mir schiebt das immer wieder auf.</p>
<p>Heute, mehr als zwei Jahre nach dieser Aktion, warte ich immer noch auf Antwort. Die Zahl der Nachfragen sei immer noch immens hoch, erläutert man mir im Bundesarchiv, das diese Nachforschungsaufgabe übernommen hat. Mich wundert das nicht.</p>
<h4>Der Generationslast ins Auge sehen &#8211; Respekt erweisen durch Erinnern</h4>
<p>Die Anfrage bei der WAST (Wehrmacht-Auskunftsstelle) gibt mir das Gefühl, dass ich im Erinnern meinen Respekt bezeugen kann. Wenn irgendwann die Antwort kommt, dann kann ich bezeugen, dass auch ich weiß, was geschehen ist:  Gegenüber meinem Vater, aber auch denen gegenüber, die durch seine Hand umkamen und nicht wieder nach Hause kamen, um eine Familie zu gründen&#8230;</p>
<p>Ich kann deren Ausweglosigkeit besser nachfühlen und beginne tiefer zu verstehen, wie viel Lebenskraft und Lebenschancen sie in dieser Zeit verloren haben.</p>
<h3>Generationslasten in sich selber entdecken und sie ablegen</h3>
<h4>Die Löcher  im eigenen Leben schließen</h4>
<p>Ja, meine Eltern hätten ein Land ohne Krieg und ohne Holocaust gebraucht und verdient. Was für ein anderes Leben hätte das sein können!  Wie sich ein Land ohne Krieg anfühlt, das nehme ich aus einer &#8222;Pesso&#8220;-Strukturaufstellung mit<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[2]</a>. Das ist eine &#8211; in meinem Fall &#8211;  äußerst schnell wirksame und nachhaltige Form, um das im Körper gespeicherte Wissen für Problemlösungen zu nutzen. In diesem Fall führt mich mein Körperwissen an den Punkt, an dem Lasten meines Vaters zu meiner wurden.</p>
<h4>Der Körper erkennt die Generationslast</h4>
<p>Auf diese Körperarbeit werde ich &#8211; zufällig und offenbar für diesen Schritt gerade rechtzeitig &#8211; aufmerksam, als ich das Buch von Bessel van der Kolk<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[3]</a> lese. Das ist ein Traumaforscher in den USA, Sohn eines holländischen Widerstandskämpfers. Bei dem Versuch, Menschen von ihren Traumata zu befreien, hat er immens viel ausprobiert. Dafür überspringt er als Mediziner furchtlos Standesschranken und folgt jedem Pfad, der Erfolg verspricht. Das führt ihn auch zur Pesso-Therapie, benannt nach dem Gründer dieser Therapiearbeit.  Van der Kolks Buch &#8222;Der verkörperte Schrecken&#8220; hat zwar einen furchtbaren Titel, aber eine äußerst wohltuende Botschaft. Denn selten las ich von einem Fachmann ein heilsameres (und einfach zu lesendes!), mitfühlenderes und hoffnungsvolleres Buch über den Umgang mit belastenden Erfahrungen.</p>
<p>Als ich dort die Seiten über die Pesso-Strukturaufstellungen lese, komme ich mir vor, als sei ich mittendrin. Für mich ist das immer ein Zeichen, dass das für mich passt. Acht Wochen später habe ich einen freien Platz in Freiburg ergattert und kann mitmachen. Einen Tag beschnuppere ich Gruppe und Therapeutin, und am zweiten Tag darf ich mit meinem Thema den noch freien Platz in der Mitte einnehmen. Da mein Inneres sich einen Tag angeguckt hat, wie das hier alles so abläuft, kommt in der Sitzung ein Thema auf den Tisch, von dem ich nicht wusste, wie sehr es <em>mir</em>, der Tochter, noch in den Knochen steckt.</p>
<h4>Wie die Generationslast der Eltern versorgt wird&#8230;</h4>
<p>An diesem Tag geht es vor allem um die Belastungen und die Beschränkungen meines Vaters. Sein gesamter Lebensweg war eingezwängt in die aufgewühlte Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Oberschlesien. Selber eigentlich noch ein Schulbub, wird er Soldat. Danach ist er ein Flüchtling, lange Jahre ohne Bindung an seine &#8222;kalte Heimat&#8220;. Eigentlich hatte er etwas ganz anders aus seinem Leben machen wollen. &#8230;</p>
<p>Das Bild vom Land ohne Krieg löst in mir ein inneres Erdbeben aus. Was alles hätte sein können! Was für eine Weite und Freiheit &#8211; und wie heilsam. Ich gönne ihm das. In meinem Inneren setze ich meinen Vater in dieses Land.</p>
<h4>&#8230;eine alte Wunde aus der Generationslast schließt sich&#8230;</h4>
<p>Begeistert und erleichtert stelle ich in dieser Sitzung fest, dass sogar noch hier und heute für die vorangegangenen Generationen gesorgt werden kann. Und dann kann ich diesen inneren Sack zubinden. Denn es ist nicht meine Angelegenheit. Es ist, als schließt sich eine bis dahin offene Wunde. Vielleicht habe ich als Kind die Traurigkeit meines Vaters gespürt und wollte doch, dass er froh ist. Was man sich als Kind halt so vorstellt&#8230;</p>
<p>An diesem Tag jedenfalls bekommt meine Erinnerung an meinen Vater und seine Bürde eine neue  <em>gespürte</em> Erfahrung an die Seite gestellt. Nämlich wie es gewesen wäre, wenn für ihn rundum gut gesorgt worden wäre, von seiner Familie, von seiner Gesellschaft &#8211; aber nicht von mir! Und wie er sich als junger Mensch entsprechend seiner Fähigkeiten hätte entfalten können, ohne die Erfahrung mit Krieg und Holocaust machen zu müssen. Ohne diese Erfahrungen hätte er eine viel entspanntere und lebensfrohere Vaterrolle leben können als es ihm tatsächlich möglich gewesen war.</p>
<h4>&#8230; und bringt nachhaltige Entlastung für mich selber</h4>
<p>Danach erlebe ich mich auf Dauer entspannter. Ein Stück meiner Familiengeschichte fühlt sich anders an, irgendwie besser sortiert. Es ist so, als würden die Aufgaben meiner Eltern klarer bei ihnen und meine klarer bei mir sein. Ich kann besser anerkennen, dass da Grenzen bei meinen Eltern waren, dass manches nicht gepasst hat, wie ich es gebraucht hätte. Gleichzeitig wird mein Blick auf die Generation meiner Eltern mitfühlender.</p>
<p>Ich werde nie begreifen können, welche Traumatisierungen ein durchlebter Krieg für die Betroffenen bedeutet. Aber es wird mir immer klarer, dass das hier keine individuelle Aufgabe ist.</p>
<h3>Was ist meine Generationslast?</h3>
<p>Bettina Alberti <a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[4]</a> spricht in ihrem Buch &#8222;Seelische Trümmer&#8220; so schön von dem Seelenraum, den diejenigen verschlossen, die den Krieg erlebt hatten. Sie schreibt: <em>&#8222;Die Kriegstraumatisierung dieser Zeit brachte viele Eltern dieser Zeit dazu, der Seele ihrer Kinder nicht begegnen zu können, was bei diesen Selbstverleugnung, Einsamkeit und Lebensangst bewirkte.&#8220;</em> (Alberti, S. 10f.) Das finde ich ein passendes Bild für diese tragische Situation zwischen diesen beiden auf einander folgenden Generationen. Alberti unterstreicht, welche immense Bedeutung das für eine Gesellschaft hat.</p>
<h3>Wieso das Spüren so wichtig ist</h3>
<p>&#8222;Die Sprache der Seele will wiedergefunden, der innerseelische Krieg beendet werden“, schreibt Alberti (S. 12). Der Schlüssel dazu ist das Spüren können bzw. das-wieder-spüren können. Alberti unterstreicht, wie wichtig das ist: <em>&#8222;&#8230; Ohne selbst zu fühlen können wir nicht mitfühlen. Menschen, die sich selbst seelisch betäubt und innerlich leer erleben, können nur schwer spüren, was andere emotional bewegt.</em>&#8220; (S. 109).</p>
<p>Erst allmählich begreife ich, dass es genau das ist, was mich auf meinem inneren Weg führt. Da ist etwas in mir, das sich spürend, mitfühlend und &#8211; wissend &#8211; fortbewegt. Diese Etappe lehrte mich, dass dieses Wissen Generationen umfasst.</p>
<h3>Die Generationslast der Täterschaft wartet auf mich</h3>
<p>Jedenfalls bin ich sehr froh über die Verbindung, die ich zum Schicksal meiner Eltern gefunden habe. Andererseits schäme ich mich fast dafür. So, als sei es mir als Deutscher verboten, mich dem Opfersein der Elterngeneration mitfühlend zuzuwenden &#8211; ohne sofort zu unterstreichen, dass damit der Holocaust nicht relativiert werden soll. Es gibt da so etwas wie ein schlechtes Gewissen darüber, dass sich mein Mitgefühl zunächst den Menschen zugewandt hat, die mir am nächsten stehen. Dazu kann ich in diesem Moment nur sagen, das ist jetzt so.</p>
<p>Gleichzeitig bemerke ich Unruhe in meinem Inneren. Monatelang rumort es dort, und es wird immer deutlicher:   In meinem deutschen Erbe steckt noch mehr. Doch das, was gesehen werden will, muss sich seinen Weg noch bahnen.</p>
<p>Das, was in mir rumort, hat offensichtlich ein sehr heißes Eisen angefasst. Schlechte Laune und böse Vorahnungen kreisen dort, aber nichts wird greifbar. Damit ich das besser verstehen und damit umgehen kann,  braucht mein Verstand jedoch eine Möglichkeit, dieses Vage in Worte zu fassen. Gespräche mit zwei Menschen bahnen schließlich den Weg. Dieser führt mich an den Ort, wo in meinem Inneren Auschwitz ist.</p>
<h3><strong>Die bisherigen Etappen im Überblick</strong></h3>
<p>Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/">Einleitung</a></p>
<p>Identität und Deutschsein: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/">Etappe 2</a></p>
<p>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden:  <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/">Etappe 2</a></p>
<p>Ankommen in der eigenen Geschichte: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/">Etappe 3</a></p>
<h3>Literatur:</h3>
<p><em>Bettina Alberti/Anna Gamma</em>, Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren; die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas, 7. Aufl., München 2014.</p>
<p><em>Bessel A.</em> <em>van der Kolk</em>, Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, 3. Auflage, Lichtenau Westf. 2016.</p>
<p>Die Geschichte eines Infanterieregimentes 1939-1945, herausgegeben von <em>W. Schmidt</em> 1961.</p>
<p>http://www.pesso-institut.de/ zur Pesso-Arbeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Die Geschichte eines Infanterieregimentes 1939-1945, herausgegeben von <em>W. Schmidt</em> 1961.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[2]</a> Barbara Fischer-Bartelmann, Pesso-Therapeutin. Näheres zur Pesso-Strukturarbeit s. <a href="http://www.pesso-seminare.de/">www.pesso-seminare.de</a></p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[3]</a> <em>Bessel A.</em> <em>van der Kolk</em>, Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, 3. Auflage, Lichtenau Westf. 2016.</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3"></a><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[</a><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">4]</a> S. dazu <em>Bettina Alberti/Anna Gamma</em>, Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren; die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas, 7. Aufl., München 2014, S. 10f:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/generationslast/">Generationslast aus der Geschichte &#8211; Etappe 4</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; Etappe 3</title>
		<link>https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Nov 2019 15:57:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ankommen in der eigenen Geschichte Wer bin ich als Deutsche? Wer gehört zu mir? Ich will darauf meine eigenen Antworten finden! Doch das Ankommen in der eigenen Geschichte ist gar nicht so einfach. Hier beginnt meine Reise: Ich wäre gerne in meiner Geschichte zu Hause. Ich wüsste gerne, wo ich herkomme. Dann würde es mir vielleicht  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1 class="western" lang="en-GB" style="text-align: left;" align="CENTER">Ankommen in der eigenen Geschichte</h1>
<p lang="en-GB">Wer bin ich als Deutsche? Wer gehört zu mir? Ich will darauf<em> meine eigenen</em> Antworten finden! Doch das Ankommen in der eigenen Geschichte ist gar nicht so einfach.</p>
<p>Hier beginnt meine Reise: Ich wäre gerne in meiner Geschichte zu Hause. Ich wüsste gerne, wo ich herkomme. Dann würde es mir vielleicht leichter fallen, meinen eigenen Platz klar und vertrauensvoll zu benennen.</p>
<p>Die ersten Menschen, die auf dieser Reise in mein Blickfeld geraten, das ist meine Familie.</p>
<p>Schaue ich auf ihre Geschichte, dann sehe ich eine Geschichte voller Löcher. Von der Familie meiner Mutter gibt es viele alte Fotos. Was sie im Krieg gemacht haben und wo sie waren, das ist im Wesentlichen bekannt. Anders sieht es auf der Seite meines Vaters aus. Seine ganze Familie floh aus Oberschlesien. Insbesondere die Fluchtgeschichte meiner Verwandten liegt völlig im Dunkeln.</p>
<h3>Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; bei mir selber!</h3>
<p class="western" lang="en-GB">Bei näherem Hinsehen bin ich sogar in meiner eigenen Geschichte nicht überall wirklich zu Hause. Beispielsweise war ich Jahrzehnte lang in der Friedensbewegung aktiv. In den ersten Jahren meiner Aktivistinnenzeit kam der folgende Satz aber nicht über meine Lippen: &#8222;Ich bin in der Friedensbewegung aktiv.&#8220; Diese Hemmung habe ich lange nicht bemerkt, bis ich irgendwann spürte, wie sich meine Zunge gerade verknotete, als dieser Satz herauswollte. Diese komische körperliche Reaktion machte mich stutzig. Beim Nachdenken fiel mir der Zusammenhang ein. Seit der Schulzeit war das Wort &#8222;&#8230;bewegung&#8220; vollständig besetzt mit &#8222;nationalsozialistische Bewegung&#8220;.</p>
<h4 lang="en-GB">Ein furchtbares Erbe trennt mich von meiner Geschichte</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Die Vorstellung, Teil einer Bewegung zu sein, löste in mir die folgende automatische Gedankenkette aus: vereinnahmt, manipuliert, missbraucht, fremdbestimmt. Einen Zugang zu anderen Bewegungen in der Geschichte meiner Gesellschaft, wie z.B. die Wandervogelbewegung oder Arbeiterbewegung, gab es zwar gedanklich, aber nie gefühlt. Ebenso waren Volkslieder für mich unsingbar, obwohl ich sowohl Texte als auch Melodien teilweise sehr schön fand. Ich sah vor meinem geistigen Auge Braunhemden mit Hitlergruß diese Lieder schmettern, und mir blieben sie im Halse stecken.</p>
<h4 lang="en-GB">Mein Ankommen in der eigenen Geschichte folgt seinem ganz eigenen Pfad</h4>
<p lang="en-GB">Rückblickend fällt mir auf, wie merkwürdig die Schritte meiner Reise auf einander folgten. Zuerst hat mich offenbar bewegt, dass ich sowenig über das wusste, was meinen nächsten Angehörigen widerfahren war. Aber ich tat auch weiterhin nichts dafür, um das genauer rauszufinden&#8230; Stattdessen ging mir auf die Nerven, wie wenig ich selber in meiner eigenen Geschichte zuhause war. Hier steckten zuallererst der Wille, den Gespenstern der Vergangenheit ins Gesicht zu schauen. Von dieser Begegnung erzählt dieser Beitrag.</p>
<h2 class="western" lang="en-GB">Ankommen</h2>
<h2>in</h2>
<h2>der eigenen</h2>
<h2>Geschichte</h2>
<h3 lang="en-GB">Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; und damit in der deutschen Geschichte</h3>
<p lang="en-GB">In Bangladesh hatte ich ja erstmals genauer die <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/">Widerstände</a> gegen meine Identität als Deutsche kennengelernt. Dort begegnete ich aber auch meiner Sehnsucht. In ihr war der Wunsch, dass es in dieser meiner Kultur doch etwas geben möge, zu dem ich aus vollem Herzen ja sagen könnte. Eine Sehnsucht nach Verbundenheit mit einer größeren Gemeinschaft, eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit.</p>
<p lang="en-GB">Das Konzept von <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Composite Heritage</a>, das ich in Bangladesh kennenlernte, gab mir eine gute Orientierung für meine weitere Suche. Ich wusste, dass Kultur übelst missbraucht werden kann und dass man sich aber auch von Missbrauch distanzieren und befreien kann.</p>
<p lang="en-GB">Es dauerte noch vier Jahre, bis der Schritt reif war, von dem hier die Rede ist.</p>
<p lang="en-GB">In dieser Zeit lernte ich aus den Büchern von Sabine Bode<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>1</sup></a>, dass selbst wir, die Nachgekommenen, von den Nachwirkungen von Holocaust,  Nazizeit und Krieg kollektiv betroffen sind. Auf einmal verknüpfte sich meine Familiengeschichte tiefgreifend mit der Geschichte meiner Gesellschaft.</p>
<p lang="en-GB">Es war vor allem der Blick in meine eigene Unbehaustheit, der den Ausschlag gab. Ich wollte mich von diesem ererbten Missbrauch meiner Kultur nicht mehr weiter abhalten lassen, herauszufinden, wer ich als Teil dieser deutschen Gesellschaft bin! Mittlerweile hatte ich durch die Arbeit mit dem <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Inneren Familiensystem</a> sehr viele widerständige Teile in meiner individuellen Innenwelt kennen gelernt. Was sich für meine persönlichen Fragen bereits bestens bewährt hatte, müsste doch jetzt auch auf der gesellschaftlichen Ebene funktionieren.<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote2anc"><sup>2</sup></a></p>
<p lang="en-GB">Eines Tages war es so weit.</p>
<h3 lang="en-GB">Ich will &#8222;meine Gemeinschaft&#8220; wiederhaben</h3>
<p lang="en-GB">Normalerweise moderiere ich Gruppen und leite die Teilnehmenden an, anhand bestimmter Leitfragen über einzelne Fragen zu reflektieren. Da habe ich inzwischen ein gut sortiertes Köfferchen. Nun war ich meine eigene Kundin: Premiumkundin mit Einzelstunde sozusagen. Aus dem Set der Übungen zu Composite Heritage suchte ich mir eine heraus, die sich mit positivem und negativem Composite Heritage beschäftigt.  Ich hatte mir vorgenommen, ein Kulturgut näher zu ergründen, das ich gut fand. Ich fand das Wort: Gemeinschaft.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Doch, das klang gut. Gemeinschaft ist ein Kulturgut, das mir wichtig ist. Also: Was fiel mir denn zu Gemeinschaft ein?</p>
<p class="western" lang="en-GB">Ich sammelte Assoziationen auf einem Blatt Papier. Meine spontanen emotionalen Reaktionen dazu hielt ich ebenfalls fest. Als <i>Nachbarschaft</i> konnte ich Gemeinschaft  gut aushalten. &#8222;<i>Dorfgemeinschaft</i>&#8220; ging schon nicht mehr, das klang bereits zu sehr nach <i>Volksgemeinschaft</i>, <i>Blockwart</i> und <i>Bespitzelung</i>. Aber ich wollte sie wiederhaben, &#8222;meine&#8220; Gemeinschaft. Ich wollte mich mit einer Vorstellung von Gemeinschaft positiv verknüpfen können. Es musste doch &#8211; Teufel auch &#8211; irgend etwas Gutes übrig geblieben sein von &#8222;Gemeinschaft.&#8220;</p>
<h4 lang="en-GB">Gemeinschaft, das ist wer zu mir gehört jenseits der Familie!</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Aber es hakte und ging nicht weiter mit dem Begriff &#8222;Gemeinschaft&#8220;. Nichts Positives konnte sich angesichts dieser geballten Widerstände zeigen. Also versuchte ich einen Umweg und stellte nach Innen die Frage: Was ist denn für mich <em>das Bedeutsame</em> an Gemeinschaft? Darauf kamen wieder richtig gute Anworten, der Kontakt nach Innen war wieder her gestellt.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Die Antworten darauf waren diese: <i></i></p>
<ul>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Wer bin ich und wer gehört zu mir &#8211; jenseits meiner Familie? </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Ich will ein Verständnis von Gemeinschaft spüren, mit dem ich einverstanden bin und mit dem ich mich identifizieren kann. </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Zu dem ich aus vollem Herzen JA sagen kann. </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Ich will hier sprachfähig werden, sprechfähig. </i></li>
<li class="western" lang="en-GB"><i>Ich will es positiv ausdrücken und nicht rumdrucksen.</i></li>
</ul>
<p class="western" lang="en-GB">So, nun war mein eigener innerer Auftrag richtig benannt.</p>
<h4 class="western" lang="en-GB"><b>Das innere Ringen um Gemeinschaft in einem positiven Sinne</b></h4>
<p class="western" lang="en-GB">Sofort merkte ich: Ja, es gibt positive Inhalte zu <em>diesem Verständnis</em> von Gemeinschaft in meinem Inneren. Sie brauchen aber jetzt einen freien Raum und ein bisschen Ruhe, damit sie auftauchen können. Der innere Widerstand mit seinen Nazi-Filmen stand schon bereit&#8230;</p>
<p class="western" lang="en-GB">Dank allem, was ich im <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ifs</a> gelernt hatte, gelang es, den Widerstand  zu beruhigen und ihm zu versichern, dass er mit Sicherheit Gehör finden würde. Es funktionierte! Mein Widerstand vertraute mir und machte Platz.</p>
<p class="western" lang="en-GB">In der nun eintretenden Stille erschienen auf der positiven Seite:</p>
<ul>
<li>
<p lang="en-GB">Gemeinschaftssinn,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Solidarität,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Gemeinnutz vor Eigennutz,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">auf einander Acht geben,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">die Kraft einer Gemeinschaft spüren,</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">die wunderbar flache Hierarchie in einer Gemeinschaft erleben.</p>
</li>
</ul>
<p lang="en-GB">Für einen kurzen Moment konnte ich genau spüren, wie gut sich das alles anfühlte! Boa! Jaaaa, will ich haben!</p>
<h4 lang="en-GB">Die negative Seite von Gemeinschaft</h4>
<p lang="en-GB">Dann flutete der Widerstand diesen Raum und nix wurde mehr gut gespürt. Aber jetzt kam der Widerstand genau richtig, denn ich brauchte seine negativen Aspekte. Ich schrieb mit, was mir in den Sinn kam und wie bei einem schnellen Diktat sprudelte es hervor.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Es tauchten auf der negativen Seite auf:</p>
<ul>
<li>
<p lang="en-GB">angemaßte Definitionsmacht, wer dazu gehört und wer nicht</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Manipulation</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Abwertung</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Gewalt</p>
</li>
<li>
<p lang="en-GB">Einschüchterung</p>
</li>
</ul>
<p class="western" lang="en-GB">Und ich erkannte: <i>Genau so </i>haben die Nazis Gemeinschaft hergestellt! Die einen integriert und manipuliert, die anderen gewaltsam und brutal aus der Gemeinschaft vertrieben.</p>
<h4 lang="en-GB">Ankommen in der Geschichte der &#8222;Nationalsozialisierung&#8220;</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Diese Mischung aus Sog und Integration der &#8222;Volksgenossen&#8220; einerseits und &#8222;Ausmerzung&#8220; der &#8222;Volksschädlinge&#8220; andererseits ist brillant beschrieben worden. In ihrem Buch &#8222;Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben&#8220; gelingt es Sönke Neitzel und Harald Weltzer, die ersten Jahre der Naziherrschaft in Deutschland, aus einer ungewohnten Perspektive zu beschreiben. Gewöhnlich schauen wir vom Ende her und fragen: Wie hat es soweit kommen können? Warum haben sich nicht alle gewehrt?! Nur: Das Ende kannten die Menschen 1933 nicht, 1935 nicht und auch später nicht. Neitzel und Weltzer schaffen es, den &#8222;Prozess der Nationalsozialisierung&#8220; einzufangen. Dabei folgen sie der Frage: Was ändert sich (für wen) und was bleibt gleich? Faszinierend und erschreckend zugleich, wie einfach es war für die (vermeintlich) &#8222;Dazugehörenden&#8220; dieser &#8222;Gemeinschaft&#8220;, ein ganz normales Leben in einer aufregenden Zeit zu leben und sich unmerklich dem Mainstream anzugleichen und von den Vorteilen zu profitieren. &#8230;<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>3</sup></a>.</p>
<h4 lang="en-GB">Die Erfahrung des Missbrauchs: Besser keine Gemeinschaft als wieder verraten zu werden</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Kein Wunder, dass sich gegen so etwas alles wehrte. Zu Recht! Ich dankte meinen Widerständen, dass sie mich davor zu schützen versuchten, indem sie die Tür gänzlich zusperrten. Wie hätten sie es anders wissen können? In meiner Familie herrschte Schweigen über die Zeit. Die Botschaft an gesellschaftliches Engagement war: &#8222;Da hält man sich besser raus!&#8220; Und genauso hatte ich es über lange Jahre gemacht. Ich hatte mich aus Debatten über die Frage raus gehalten, zu wem ich mich zugehörig fühle. Ein Ankommen in meiner eigenen Geschichte bedeutete nun aber auch, diesen Aspekten ins Auge zu sehen.</p>
<h3 lang="en-GB">Der Missbrauch wird zurück gegeben</h3>
<p class="western" lang="en-GB">Nun konnte ich weiter gehen. Aus dem Composite Heritage wusste ich, dass ich zwischen dem, was an einem Kulturgut negativ ist und dem, was daran positiv ist, unterscheiden konnte. Dies tat ich. Ich beanspruchte <em>meine Gemeinschaft in einem Menschen verbindenden Sinn</em> für mich.  Die angemaßte Definitionsmacht, Manipulation, Abwertung, Gewalt und Einschüchterung schied ich daraus aus. Diese Aspekte des Missbrauchs von Macht und der Manipulation von Gemeinschaft gab ich mit einem Ritual aus der Aufstellungsarbeit an &#8222;die Nazis&#8220; zurück.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Dieser rein symbolische Akt der inneren Distanzierung entfachte eine immense emotionale Reaktion.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Ich spürte, wie eine ungeheure Wut über diesen unfassbaren Missbrauch in mir aufstieg.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Es wurde mir deutlich, wie sehr das &#8222;Ausgemerzte&#8220; zu meiner Gemeinschaft gehörte. Wie viel Leid ist mit diesem Missbrauch von Gemeinschaft verbunden gewesen. Es war auf einmal ein Schmerz über diesen ungeheuren Verlust da und er durfte sein. Trauer stieg in mir auf. Auch sie durfte sein. Diese lange verborgenen Gefühle zogen eine Weile durch mich hindurch.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Denn auch das wusste ich aus der inneren Arbeit: Ich hatte einen lange verborgenen See von Tränen erreicht und er durfte abfließen. Denn: heute ist anders. Aber alter Schmerz durfte endlich gespürt und gehalten werden.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Das ändert nichts an dem, was geschehen ist.  Was geschehen ist, ist vorbei. Da gibt es nicht zu deuteln, auch nichts mehr wieder besser zu machen. Das einzige, was sich ändern kann, ist mein inneres Echo und wie dieses meine Zukunft bestimmt. Wenn Gemeinschaft unter den Nazis so war, dann heißt das nicht, dass es nicht auch andere Gemeinschaften geben kann. Gemeinschaften, die ohne Ausgrenzung, Abwertung und Manipulation auskommen. So. Darum geht es. Um nichts sonst.</p>
<h4 lang="en-GB">Meine Gemeinschaft. Wie sieht sie nun aus? Wer gehört dazu?</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Nach einer Weile beruhigten sich die Gefühle in meiner Innenwelt. Neues tauchte auf. Es kam mir ein bisschen so vor, als ob ich gerade neu hier ankomme und Boden unter meine Füße bekomme.</p>
<p class="western" lang="en-GB">&#8222;So!&#8220; sagte etwas in mir: &#8222;Meine Gemeinschaft. Wie sieht sie nun aus? Wer gehört dazu?&#8220;</p>
<p class="western" lang="en-GB">Wie immer kam die Antwort auf solche Fragen aus der inneren Stille. Warten reicht. Es kommt schon. Und dann klärte es sich mit einem neuen Gedanken und es hieß ganz einfach: <em>&#8222;Wer da ist, gehört dazu!&#8220;</em> Nicht nur, wer immer schon hier gelebt hat. Oder wer einzelne Werte oder Überzeugungen mit mir teilt. Wer zufällig meine Sprache spricht oder meine Staatsangehörigkeit teilt. Oder wer seine Definition von Gemeinschaft anderen aufs Auge drücken will.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Seitdem weiß ich:<em><b> Meine</b> Gemeinschaft reicht viel tiefer</em>. Ich spürte sie damals zum ersten Mal und wusste auf einmal, dass unter allem, was trennt, eine Mitmenschlichkeit liegt, die uns alle verbindet.</p>
<h4 lang="en-GB">Als sich der erste Sturm legt</h4>
<p class="western" lang="en-GB">Am Ende dieser Übung war ich erstaunt, wie entspannt ich mich nun positionieren konnte. Diesmal sang ich  &#8222;mein&#8220; erstes Volkslied, entspannt, mit klarer Stimme. Ich weiß seitdem auch, dass &#8222;meine Gemeinschaft&#8220; kein Zuckerschlecken ist sondern harte Auseinandersetzung. Aber ich weiß, wer für mich dazu gehört und dass die Arbeit sich lohnt.</p>
<p class="western" lang="en-GB"><b>Ankommen in meiner eigenen Geschichte bedeutet, zu fühlen, was darüber in mir steckt</b></p>
<p class="western" lang="en-GB">Die emotionale Wucht dieser ersten Hausbegehung war überstanden. Es ist im Nachhinein enorm, wie viel Energie in der Abwehr der Auseinandersetzung vorher gebunden gewesen war, die sich danach verflüchtigte. Allein dadurch hatte sich die Reise bereits gelohnt. Nun war ich gespannt darauf, was noch alles zu erkunden, zu verstehen sei. Oder was wohl befreit und geklärt werden wollte. Die Unterwelt, auf die ich später stoßen würde, war da noch überhaupt nicht zu fühlen. Als lägen Gefühlsschicht auf Gefühlsschicht, wobei die nächst untere erst gespürt werden könnte, wenn die &#8222;darüber&#8220; liegende irgendwie &#8222;reif&#8220; schien, im Bewusstsein auftauchen zu können.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Composite Heritage entpuppte sich jedenfalls als  ein mächtiges Instrument. Die Konstruktionen und der Missbrauch von Identitätszuschreibungen lassen sich sehr klar erkennen. Es macht sehr wachsam  gegenüber den Manipulierern und Kulturmissbrauchern.</p>
<p class="western" lang="en-GB">Schade, dass man nach Indien muss, um es kennen zu lernen.</p>
<h3 lang="en-GB">Die nächste Etappe: Das Erbe der Elterngeneration</h3>
<p lang="en-GB">Diesmal vergehen zwei Jahre bis zum nächsten Schritt. An einem klaren Dezembertag fahre ich aus einem Seminar über Trauma und das Innere Familiensystem nach Hause. Ich dümpele auf der Autobahn vor mich hin. Auf einmal ist da ein Gedanke. Meine Eltern&#8230;. was sie erlebt haben im Krieg&#8230; Trauma&#8230;  Trauma? Kann es sein, dass ich mit Menschen aufgewachsen bin, die durch die Erlebnisse, die sie hatten, für immer gezeichnet waren?</p>
<p lang="en-GB">Was haben sie eigentlich genau erlebt?&#8230;.</p>
<h3>Die bisherigen Etappen im Überblick</h3>
<p>Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Einleitung</a></p>
<p>Identität und Deutschsein: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 1</a></p>
<p>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden:  <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 2</a></p>
<p>Ankommen in der eigenen Geschichte: <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 3</a></p>
<div id="sdfootnote1">
<p lang="en-GB"><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1 </a>Die Bücher, die ich meine, sind &#8222;Die vergessene Generation&#8220;, &#8222;Kriegsspuren&#8220; und &#8222;Nachkriegskinder&#8220;. <a href="https://www.sabine-bode-koeln.de/b%C3%BCcher/kriegsfolgen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mehr </a></span></p>
<div id="sdfootnote1">
<p lang="en-GB"><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">2 </a><span lang="de-DE">Das habe ich in der Zwischenzeit bei einer interessanten Coaching-Ausbildung gelernt. Meine inneren Widerstände zum Beispiel sind Persönlichkeitsanteile in mir. Diese Widerstände wollen mich vor irgendetwas beschützen und deshalb sorgen sie dafür, dass ich mich nicht mit dem beschäftige, was ich ihrer Ansicht nach nicht verkraften kann. Nun aber weiß ich, dass ich sie zur Seite bitten kann und dass sie mir nur helfen wollen. Mehr über diesen Ansatz findet sich bei https://www.ifs-europe.net/ oder bei meiner Ausbilderin Uta Sonneborn bei http://www.iifs-institut-heidelberg.de/ und in all meinen Blogbeiträgen über ifs und das Innere Familiensystem. </span></span></p>
<p lang="en-GB"><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">3 </a><span lang="de-DE">Neitzel/Welzer, S. 47-71. Vertieft zum Profitieren Aly und seine deutsche Millionenfigur Alfred Fretwurst, S. 7 ff. Um diesen geht es in einer späteren Etappe. </span></span></p>
<p lang="en-GB">
</div>
<p>Literatur</p>
<p>Götz Aly, Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus, Frankfurt, M. 2015.</p>
<p>Sabine Bode, Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, 29. Auflage, Stuttgart 2016.</p>
<p>Sabine Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation, 20. Auflage, Stuttgart 2016.</p>
<p>Sabine Bode, Kriegsspuren. Die deutsche Krankheit German Angst, Stuttgart 2016.</p>
<p>Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, 2. Aufl., Frankfurt am Main 2011.</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/">Ankommen in der eigenen Geschichte &#8211; Etappe 3</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; Etappe 2</title>
		<link>https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Nov 2019 17:15:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeitspraxis]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Deutschsein mit Composite Heritage erkunden Mein Deutschsein mit Composite Heritage erkunden - dazu bot mir ein Workshop1 einen ersten sicheren Raum. Voller Überraschung lernte ich vor allem meine Widerstände gegen diesen Teil meiner Identität kennen. Selbst-Konfrontation Es ist noch nicht so lange her, seit ich mich meinem Deutschsein zugewandt habe. Über fünfzig Jahre meines Lebens  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/">Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; Etappe 2</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1 class="western" lang="en-GB" style="text-align: left;" align="CENTER">Deutschsein mit Composite Heritage erkunden</h1>
<p lang="en-GB">Mein Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; dazu bot mir ein Workshop<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote2sym" name="sdfootnote2anc"><sup>1</sup></a> einen ersten sicheren Raum. Voller Überraschung lernte ich vor allem meine Widerstände gegen diesen Teil meiner Identität kennen.</p>
<h2>Selbst-Konfrontation</h2>
<p lang="en-GB">Es ist noch nicht so lange her, seit ich mich meinem Deutschsein zugewandt habe. Über fünfzig Jahre meines Lebens habe ich ganz gut ohne diese Selbstreflexion verbracht. Aber dann war es wohl soweit.</p>
<h2>braucht</h2>
<p lang="en-GB">Eines Tages saß ich in einem Workshop weit weg von Zuhause in Bangladesch. Als Co-Leiterin begleitete ich meine indischen Kolleg*innen Khurshid Anwar und Shruti Chaturvedi in einem neuen Kursformat zur politischen Bildung. Ein wichtiges Element darin ist das Konzept des &#8222;Zusammengesetzten Erbes&#8220; (<a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Composite Heritage</a>). Dieses macht nachvollziehbar, wie viel Fremdes im eigenen Erbe steckt. Es öffnet überdies die Zugänge zum eigenen Erbe. Interessant für einen Vielvölkerstaat wie Indien, dachte ich. Da mir dieses Konzept in der Praxis selbst noch unbekannt war, war ich neugierig, die kommenden Kursinhalte mir mal anzuschauen.</p>
<h2>Sicherheit</h2>
<p lang="en-GB">Im Workshop saßen Menschen aus verschiedensten Ländern Südasiens. Die erste Frage lautete: Was ist typisch, allgemein zugänglich, weit verbreitet in Deiner Kultur? Schreib eine Liste! Die Teilnehmer*innen schrieben und schrieben.</p>
<p lang="en-GB">Auffordernd schauten Khurshid und Shruti auch mich an. Meine Ruhe war vorbei. Gänzlich unerwartet fand ich mich aus der Komfortzone meiner Moderationsrolle hinauskatapultiert in die Perspektive der Teilnehmerin:</p>
<p lang="en-GB"><i>Meine </i>Kultur? Typisch? Allgemein zugänglich? Weit verbreitet? Ich ahnte noch nicht, dass ich mit Composite Heritage mein Deutschsein erkunden würde.</p>
<h3>&#8222;Typisch deutsch?&#8230;&#8220;</h3>
<p lang="en-GB">Immerhin, meine Liste enthielt: Gartenzwerge, Bier trinken, immer meckern, eine gewisse Detailverliebtheit, vielleicht auch so Sachen wie Rentenversicherung oder Krankenversicherung.</p>
<p lang="en-GB">Eine weitere Frage stand auf einmal drohend im Raum: Womit verbinde ich mich positiv?</p>
<p lang="en-GB">Viel stand am Ende dieser der Übung nicht auf meinem Zettel, außer Bier trinken.</p>
<h3>Die Kraft der Widerstände</h3>
<p lang="en-GB">Interessant war jedoch eine Beobachtung, die ich an mir selber während dieser Übung machte: Sie war ungemein anstrengend. Daran erkannte ich die Kraft der inneren Widerstände. Als ob jemand mit aller Gewalt eine Türe verschlossen halten will. Im Unterschied zu allen anderen Teilnehmer*innen war es für mich eben nicht normal und einfach, ein paar Dinge aufzuschreiben, die ich in meiner typisch deutschen Heimat gut fand. Zu allem, was mir einfiel, gesellte sich sofort ein großes ABER. Selten habe ich mich so unentspannt gefühlt.</p>
<p lang="en-GB">Immerhin lernte ich einige meiner Ablenkungsstrategien kennen.  Schließlich hatte ich doch so einen schönen EU-Pass. Die EU hatte in diesem Jahr den Friedensnobelpreis bekommen!</p>
<h2><b>und Wertschätzung</b></h2>
<p>Immerhin gab mir der Workshop einen ganz ganz sicheren Raum. Die wertschätzende und zugewandte Haltung von Khurshid und Shruti, unseren Trainern, war felsenfest. Hier konnte sich alles zeigen &#8211; oder auch nicht &#8211; und das war in Ordnung so.</p>
<h3>Kraft zur Selbstkonfrontation</h3>
<p lang="en-GB">Heute weiß ich, was damals geschah. Neueste Erkenntnisse der Hirnforschung belegen nämlich, welche Bedeutung Sicherheit und Wertschätzung haben, wenn es darum geht, sich mit negativen Erfahrungen zu konfrontieren. Denn es gibt im Gehirn einen Teil, der dafür zuständig ist, Unangenehmes an sich heran zu lassen. Das macht er aber wirklich nur dann, wenn er sich sicher und angenommen fühlt. Und wenn er sich angesprochen fühlt, wenn also das Ganze irgendwie interessant oder lohnenswert erscheint. Ansonsten macht er dicht.</p>
<h4>Sinn der Selbstkonfrontation</h4>
<p lang="en-GB">Man kann sich natürlich fragen, warum dieser Gehirnteil sich das antut: Was soll gut daran sein, unangenehme Erfahrungen mal wirklich an sich ranzulassen? Was &#8211; außer blöden Gefühlen über sich selber &#8211;  soll daraus Gutes entstehen?<a class="sdfootnoteanc" href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>2</sup></a>.</p>
<h4><b>Ein erster sicherer Ort&#8230;</b></h4>
<p lang="en-GB">Im Rahmen dieses Workshops eröffnete sich damals dieser innere Raum, ohne dass ich diese Zusammenhänge mit der Hirnforschung bereits gekannt hätte. Ich war neugierig genug, mich überhaupt auf die Fragestellung einzulassen. Zwischen Khurshid, Shruti und mir war Vertrauen genug, um sicher darauf zu setzen, dass aus dieser Übung etwas Sinnvolles für mich herauskommen würde.</p>
<h4>&#8230; um all den inneren Stimmen ein Ohr zu schenken</h4>
<p>Und so hörte ich dort erst einmal meinen inneren Widerständen zu. Die sagten mir zu meiner Identität als Deutsche Sätze wie:</p>
<p lang="en-GB">&#8222;Da ist nichts zu holen. Diese Identität steht in Deinem Pass, aber sonst fühlt die sich nur schlecht an.&#8220;</p>
<p lang="en-GB">Überrascht nahm ich aber auch erstmals etwas Anderes wahr. Da war etwas, das sich zum Beispiel danach sehnte, diese schönen Volkslieder zu singen!</p>
<p lang="en-GB">Daraufhin meldete sich sofort eine mir sehr vertraute innere Stimme und verkündete: &#8222;Wenn die Schiffe unter der Loreley durchfahren und alle das Lied von der Loreley mitsingen, dann muss ich kotzen.&#8220; Bilder vom Bund Deutscher Mädel schossen mir durch den Kopf, verschlossen den Mund und schnürten die Kehle zu.</p>
<p lang="en-GB">Gleich diese erste Übung konfrontierte mich also mit einem sehr ambivalenten kulturellen gesellschaftlichen Erbe.  Zunächst verwundert, aber dann immer nachvollziehbarer verstand ich meine Verkrampfung, sobald ich die Übungen auf mich selber bezog. In Bezug auf das, was das kulturelle Erbe meiner Gesellschaft ausmachte, fiel mir zuerst nichts ein, mit dem ich mich freiwillig verbinden wollte.</p>
<p lang="en-GB">Allmählich verstand ich, warum dieses Thema über Jahrzehnte randständig geblieben war. Denn im Vergleich mit den anderen Teilnehmer*innen fühlte ich mich  in meinem gesellschaftlichen Erbe ziemlich unbehaust. Mir war immer schon klar, dass ich mich nicht davor drücken konnte &#8211; aber mich damit  freiwillig und dann auch noch positiv verbinden? Nie im Leben!</p>
<p>In der Rückschau weiß ich, dass es diese Sehnsucht war, die mich seitdem über Jahre hat auf der Fährte bleiben lassen. Sie tauchte hier zum ersten Mal auf, als ich mit Composite Heritage mein Deutschsein zu erkunden begann.</p>
<p lang="en-GB">Zum Glück ging der Workshop noch weiter. In ihm konnte ich die so negativen Erfahrungsspuren meiner Gesellschaft in meinen eigenen Innenleben immer besser verstehen.</p>
<h3>Mit Composite Heritage den Wandel von Identitäten verstehen</h3>
<p lang="en-GB">Das Interessante an dem Konzept des Composite Heritage ist, dass es den einzelnen Menschen in den Kontext seiner Gesellschaft stellt. In diesem gesellschaftlichen Kontext ist der Mensch nicht allein,  und im Austausch mit anderen bildet und verändert sich gesellschaftliches Erbe. Ein ganz normaler Vorgang also.</p>
<h4>Composite Heritage als kontinuierlicher Austausch zwischen Menschen</h4>
<p lang="en-GB">Kulturelle Güter entstehen, wandeln sich und vergehen. Wie ist es mit den Dingen, die heute normal sind? Ich kann mich gut an den Kampf um die erste Jeans erinnern. Mädchen gehen nicht mit Hosen in die Schule&#8230;. Nur ein kleines banales Beispiel. Aber dieses Erbe verbindet Menschen, obwohl &#8211; oder gerade weil &#8211; sie verschieden sind und es sein dürfen ohne dabei auf- oder abgewertet zu werden.</p>
<h3>Composite Heritage kann Menschen verbinden oder trennen</h3>
<p>Hochspannend und sehr politisch wurde es, als wir lernten, dass mit kulturellen Gütern und Werten Politik gemacht und Macht ausgeübt wird. Hier wurde es auf einmal &#8222;ganz heiß&#8220;.</p>
<p>Im indischen Kontext ist zum Beispiel die Kaste ein traditionelles Gut, das bis heute die Gesellschaft und jeden einzelnen Menschen berührt &#8211; gewollt oder ungewollt. Immer schwerer leidet heute die indische Gesellschaft unter der Rangordnung, die damit verbunden ist. Sie teilt Menschen in höhere und niedere Gruppen ein. Lebenschancen werden verteilt, ohne dass ein Mensch irgendeinen Einfluss darauf hat, einfach dadurch, in welche Kaste er oder sie hineingeboren wird. Wir untersuchten außerdem Begriffe wie Glauben, Wahrheit, Gott und fanden heraus: all das gehört zu unserem gemeinsam geteilten Erbe. All das teilen Menschen mit einander. Aber nur solange, wie es unterschiedliche Deutungen geben darf.</p>
<p>In dem Moment, wenn &#8222;<em>ein</em> Gott&#8220;, &#8222;<em>eine</em> Wahrheit&#8220;, &#8222;<em>ein</em> Glaube&#8220; ins Spiel kommt, wird aus dem verbindenden Erbe ein trennendes. Wird aus dem positiven ein negatives Composite Heritage.</p>
<h4>Richtiges und falsches Erbe &#8211; eine Machtfrage</h4>
<p lang="en-GB">In dem Moment, in dem mächtige Meinungsmacher sich kultureller Güter bemächtigen, kann es gefährlich werden. Es wird gefährlich für das friedliche Miteinander und den Austausch verschiedener Menschen. Darum ist es so wichtig, welche Sprache Menschen in verantwortlichen Positionen gebrauchen. Sie stiften damit im Geiste Verbindung oder Spaltung. Im Inneren der Menschen, zu denen sie sprechen, stiften sie Beruhigung oder Aufruhr. Sie bringen Menschen dazu, mit einander auszukommen oder gegen einander in Stellung zu gehen. Mit der Sprache der Mächtigen fängt dieses Spiel an.</p>
<h4>Mobilisierung von Identitäten durch Mächtige</h4>
<p lang="en-GB">Der Mechanismus, der dann aktiviert wird, ist eigentlich immer derselbe: Sobald ein Kulturgut nur einer Gruppe zugeschrieben und anderen abgesprochen wird, werden Zugehörigkeit oder Ausschluss konstruiert. &#8222;Die Juden&#8220; sind dann &#8222;Anti-Deutsche&#8220;; Deutsche mit anderen Meinungen sind dann &#8222;Volksverräter&#8220;. Kritiker am eingefahrenen Politikbetrieb sind dann &#8222;Demokratiefeinde&#8220;. Wer sich überhaupt mit seiner deutschen Identität beschäftigt, ist &#8222;rechts&#8220;. Es geht in alle Richtungen, und immer geht es um die Deutungshoheit, wer &#8222;die eine Wahrheit&#8220; hat in Bezug auf die &#8222;<em>richtige</em> Demokratie&#8220;, das &#8222;<em>richtige</em> Volk&#8220;, das &#8222;<em>wahre</em> Deutschsein&#8220; und so weiter in alle Ewigkeit.</p>
<h4><b>Kultur, Macht und ihr Missbrauch: Die Narben in der Gesellschaft</b></h4>
<p lang="en-GB">Wir verstanden diese Mechanismen immer genauer. Dabei lernten wir, hinter die Kulissen von Konflikten über Identitäten zu schauen. Es gibt immer eine Wahl: Verbindet ein bestimmtes Kulturgut Menschen oder trennt es sie? Wer sorgt dafür? Welche Interessen sind damit verbunden? Welche Macht wird dafür genutzt? Für wessen Interessen wird meine Identität in Gefahr gebracht &#8211; entweder real oder angeblich? Und: Wem nützt das?</p>
<h4>Kultur, Macht und Missbrauch: Die Narben in den Menschen</h4>
<p lang="en-GB">Wir wurden auch in die eigenen Innenwelten geführt und manche berichteten von ihren Erinnerungen, zu denen sie in einer Übung geführt worden waren. Sie berichteten von den tiefen Spuren, die ihre persönlichen Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausschluss, von Höherrangigkeit oder Demütigung in ihnen hinterlassen hatten. Der zuvor innere und vermeintlich individuelle Konflikt fand nun aber auf einmal seinen Platz als Teil eines größeren Geschehens. Akteure, ihre Interessen und Durchsetzungsmacht traten  aus dem bisherigen Nebel sichtbar hervor. Wir lernten, wir sind Teil eines Spieles, das andere auf Kosten unserer Integrität spielen. Das ist bisweilen traurig, weil klar wird, wie viele verpasste Lebenschancen diesem Machtpoker zum Opfer gefallen sind. Das ist aber auch entlastend, weil wir lernten, Verantwortungen zu erkennen, die auf anderen Ebenen gesellschaftlicher Macht und bei anderen Akteuren liegen. Und auch hier wieder zeigte es sich, dass die in diesem bislang inneren Konflikt gebundene Energie nun frei geworden war. Frei für ein klares gesellschaftlichen Auftreten und sich Positionieren interessanterweise. So, als wäre man selber als selbstbestimmter Akteur auf der gesellschaftlichen Bühne aufgetaucht.</p>
<h3>Sich mit Deutschsein neu verbinden wollen</h3>
<p lang="en-GB">Und dann kam der Punkt im Workshop, wo alle, die wollten,  etwas aus ihrem eigenen kulturellen Erbe beitragen konnten. Einfach so, just for fun. Dafür gab es einen halben Tag Zeit zur Vorbereitung. Am Nachmittag wurden wir Zeugen beeindruckender Darbietungen von Lyrik, dem Schauspiel historischer Szenen, sportlichen Spielen, Gedichten und Liedern. In ihnen verkörperte sich, was man beisteuern wollte vom  eigenen Kulturgut. Ich zaudere bis zum Schluss. Dann werfe ich mein Herz über den Zaun und singe mit zittriger Stimme das Lied von der Loreley.</p>
<h4>Es gibt kein Zurück mehr&#8230;</h4>
<p lang="en-GB">Seitdem weiß ich, wie ich anfangen kann, um mir nach und nach einen Zugang zu meiner deutschen Identität zu bahnen. Dabei ist mir klar, dass meine Identität als Deutsche verschiedenste Facetten haben wird. Die Erfahrung dieses Workshops ist,  dass es auf die Dauer aus dieser Nummer für mich kein Raushalten mehr geben wird. Zu viel Energie ist hier gebunden in einem Zustand von Hin- und Hergerissen-Sein. Diese Energie will ich wiederhaben.</p>
<h4>Fragen für die Reise</h4>
<p lang="en-GB">Ich habe die emotional-physische Kraft der Widerstände kennen gelernt und frage mich: Was muss hier mit aller Macht davor bewahrt werden, wahrgenommen zu werden? Was darf auf keinen Fall gespürt und gefühlt werden? Überdies habe ich ebenfalls wahrgenommen, dass es jenseits der Widerstände ein Verlangen, ein Sehnen gibt, sich zu verbinden!  Womit?!</p>
<p>Diese Fragen traten dann in mir eine lange Reise nach innen an. Ungelogen &#8211; erst vier Jahre später nahm ich den Faden wieder auf. In der Zwischenzeit bereitete sich eine erste grundlegende Frage in mir vor: Wer ist meine Gemeinschaft? Wer gehört zu mir?</p>
<h3>Handwerkszeug für die Etappe 3</h3>
<p>Überdies lernte ich ein überaus brauchbares Handwerkszeug kennen, das es mir ermöglichte, diesen inneren Dialog sehr gezielt zu führen. Mit dem <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ifs/">Inneren Familiensystem</a> war es möglich, mit den Widerständen und der Sehnsucht ins Gespräch zu kommen. Und all dem, was sie im Gepäck hatten.</p>
<p>Und so war irgendwann alles bereit für die Etappe 3: Ein erstes <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ankommen in der eigenen Geschichte</a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Die bisherigen Etappen im Überblick</h3>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/entspannteres-deutschsein-ein-reisebericht/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Einleitung</a>: Entspannteres Deutschsein. Ein Reisebericht in Etappen</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/identitaet-und-deutschsein/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 1</a>: Identität und Deutschsein</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 2:</a> Deutschsein mit Composite Heritage erkunden</p>
<p><a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/ankommen-in-der-eigenen-geschichte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etappe 3:</a> Ankommen in der eigenen Geschichte</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="sdfootnote1">
<p><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1</a> </span><span lang="de-DE"><i>Khurshid</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Anwar</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage for Peace, Harmony and Democracy. Training Handbook for Trainers and Activists, New Delhi 2007; kurz: </span><span lang="de-DE"><i>Shruti </i></span><span lang="de-DE"><i>Chaturvedi</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage. Concept Note</span><span lang="de-DE">.</span></p>
</div>
<div id="sdfootnote2">
<p><span style="font-size: small;"><a class="sdfootnotesym" href="#sdfootnote2anc" name="sdfootnote2sym">2</a> </span><span lang="de-DE">Hierzu erhellend und praktisch:</span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Maja</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Storch/Julius</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Kuhl</i></span><span lang="de-DE">, Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste, 3. unveränderte, Bern 2017, S. 74f. und 249ff.</span></p>
</div>
<p>Literatur:</p>
<p><span lang="de-DE"><i>Khurshid</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Anwar</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage for Peace, Harmony and Democracy. Training Handbook for Trainers and Activists, New Delhi 2007.</span></p>
<p><span lang="de-DE"><i>Shruti </i></span><span lang="de-DE"><i>Chaturvedi</i></span><span lang="de-DE">, Composite Heritage. Concept Note,</span><span lang="de-DE"> 2018.</span></p>
<p><span lang="de-DE"><i>Maja</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Storch/Julius</i></span><span style="font-size: small;"> </span><span lang="de-DE"><i>Kuhl</i></span><span lang="de-DE">, Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste, 3. unveränderte, Bern 2017.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/deutschsein-mit-composite-heritage-erkunden/">Deutschsein mit Composite Heritage erkunden &#8211; Etappe 2</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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		<title>Auschwitz und die Würde des Menschen</title>
		<link>https://www.dr-barbara-mueller.com/auschwitz-und-die-wuerde-des-menschen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Apr 2019 07:26:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auschwitz und die Würde des Menschen Eine Gesellschaft, die in ihrer Geschichte zuhause ist, kann auch in der Zukunft bestehen. Von dem Satz bin ich mehr denn je überzeugt. Für Deutsche heißt das, bei Auschwitz anzukommen. Das heißt, hier zu verweilen, weil dieser Ort keine schnellen Antworten hat. Das auszuhalten und dableiben. Bei Auschwitz bleiben  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/auschwitz-und-die-wuerde-des-menschen/">Auschwitz und die Würde des Menschen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h1>Auschwitz und die Würde des Menschen</h1>
<p>Eine Gesellschaft, die in ihrer Geschichte zuhause ist, kann auch in der Zukunft bestehen. Von dem Satz bin ich mehr denn je überzeugt. Für Deutsche heißt das, bei Auschwitz anzukommen. Das heißt, hier zu verweilen, weil dieser Ort keine schnellen Antworten hat. Das auszuhalten und dableiben. Bei Auschwitz bleiben und im Jetzt dieser Gesellschaft heute zu sein. Die unendliche Trauer zu spüren und nicht wegzugehen. Es gibt noch keine Antworten. Nur ein paar erste Ahnungen.</p>
<h4>Was sagt mir Auschwitz für meine Gesellschaft heute?</h4>
<p>Ich sehe  eine Gesellschaft, in der Mehrheiten achtsam mit den Minderheiten umgehen. So achtsam, dass bei allen Konkurrenzen und Gegensätzlichkeiten die Mit-Menschlichkeit nicht verloren geht. So, dass es nie wieder so weit kommen kann, dass Mitmenschen aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und umgebracht werden. Wie man Menschen ausschließt und wohin uns das als Gesellschaft geführt hat, das wissen wir: Solche Wege führen zu solchen Orten wie Auschwitz. Wie werden wir zu einer Gesellschaft, in der das ausgeschlossen ist?</p>
<p>Dabei kann ein kleiner Satz helfen. Er steht ganz oben im Grundgesetz und geht so: &#8222;Die Würde des Menschen ist unantastbar.&#8220; Im Moment empfinde ich ihn als eine Art Vermächtnis der Generation meiner Eltern. Es gab keine Stunde Null. Die Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Zeit waren gemacht und nicht mehr rückgängig zu machen. Abgründe von Lasten tun sich auf: Mitschuld am Holocaust, getötet zu haben, nicht geholfen zu haben, sich selber geschützt zu haben&#8230; selber bedroht zu sein, misshandelt, im Schützengraben, im Bombenhagel im Keller gehockt, geflüchtet, vertrieben. Die Liste ist endlos von Erfahrungen, die die Überlebenden mit in die neuen Gesellschaften in Ost- und Westdeutschland nahmen. In der Veranstaltung &#8222;<a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/veranstaltung/aufgewachsen-mit-der-generation-2-weltkrieg/">Weltkriegs-Schatten</a>&#8220; wenden wir uns den Lasten der Elterngeneration zu und wie sie in der Generation derer, die in den 50er und 60er Jahren geboren wurden, weiter wirken. Was soll da aufhören? Worunter soll da ein Schlussstrich gezogen werden?</p>
<h4>&#8222;Die Würde des Menschen ist unantastar.&#8220;</h4>
<p>Dieser Satz steht neben dem Beschweigen, Verleugnen, Verdrängen der Vergangenheit. Er ist eine Lehre aus Auschwitz und weist in die Zukunft. &#8222;Die Würde des Menschen ist unantastbar.&#8220; Was bedeutet es, wenn dieser Satz diese Gesellschaft zu durchdringen beginnt? Und Einzug hält &#8230; in die Amtsstuben&#8230; in die Redaktionen &#8230; in die Parteien &#8230;die Wirtschaft&#8230;  in die Interessenverbände und Lobbyisten&#8230; in jede Stadt, jedes Dorf&#8230;. jedes Haus.</p>
<p>Utopie! Wie naiv! Ich kann das Gelächter gut hören. Ja, klar.</p>
<p>Aber trotzdem, rein hypothetisch. Wenn man sich mal diese Vorstellung zu eigen macht. Nur die Vorstellung! Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Leben in Würde für alle in diesem Lande. Wie gesagt, eine erste Ahnung.</p>
<h4>Auschwitz &#8211; ein sehr aktueller Auftrag für die deutsche Gesellschaft im Jahre 2019</h4>
<p>Was ist los in meinem Land? Das beschäftigt mich weiterhin. Möglicherweise ist Auschwitz da ein wichtiger Bezugspunkt, um zu verstehen, was jetzt geschieht. Aber auch, um den unterschwelligen Konfliktlagen präziser auf die Spur zu kommen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/PabloSabala-2006822/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=1180042">Pablo Sabala</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=1180042">Pixabay</a></p>
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		<title>Composite Heritage &#8211; Das Fremde im Eigenen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Barbara Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Mar 2019 12:42:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Konflikt und Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Composite Heritage - Das Fremde gehört zum Eigenen  Wie Composite Heritage in Indien entstand Im Jahr 2002 starben über Tausend Menschen, vorwiegend Moslems, im indischen Bundesstaat Gujarat als Opfer von Massakern. Über die Hintergründe und die Verwicklungen staatlicher Stellen gingen die Meinungen auseinander. Für Dr. Khurshid Anwar, Leiter einer Nicht-Regierungsorganisation in New Delhi, war diese  [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/">Composite Heritage &#8211; Das Fremde im Eigenen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Composite Heritage &#8211; Das Fremde gehört zum Eigenen </strong></h1>
<h4>Wie Composite Heritage in Indien entstand</h4>
<p>Im Jahr 2002 starben über Tausend Menschen, vorwiegend Moslems, im indischen Bundesstaat Gujarat als Opfer von Massakern. Über die Hintergründe und die Verwicklungen staatlicher Stellen gingen die Meinungen auseinander. Für Dr. Khurshid Anwar, Leiter einer Nicht-Regierungsorganisation in New Delhi, war diese Erfahrung jedoch der Ausgangspunkt für eine grundlegende Neuorientierung seiner bisherigen Arbeit für Entwicklung, Frieden und Menschenrechte in seinem Land. Er erkannte, dass Zivilgesellschaft in solchen Situationen immer zu spät kommt, nur reagieren kann, während die spaltenden Kräfte das Geschehen bestimmten. Wie kann Zivilgesellschaft aus der Schadensbegrenzung hinauskommen? Was kann getan werden, damit Konflikte nicht in Gewalt ausbrechen? Wie hält eine Gesellschaft zusammen, die so voller Konflikte steckt? Und was bringt Menschen  trotz all ihrer Gegensätze zu einander?</p>
<h4>Viele Gemeinsamkeiten in einer zersplitterten Gesellschaft</h4>
<p>Mit seinen Kolleg*innen im Institute for Social Democracy, einer friedens- und menschenrechtsorientierten NGO in Neu Delhi<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a>, machte sich Khurshid Anwar auf die Suche nach den Gemeinsamkeiten in den Gesellschaften Südasiens und wurde überaus reichhaltig fündig. Sie fanden Tänze, Spiele, Sprachen, Lyrik, Plätze gemeinsamer religiöser Anbetung. Aber auch Wirtschaftsweisen, Essen und Trinken, Lebensgewohnheiten und materielle Güter gehörten als kulturelle Güter nicht nur einer sondern wurden von allen Gemeinschaften in einer Region geteilt.</p>
<h4>Eine neue Sicht auf die Gesellschaft: Die verbindende Schnittmenge</h4>
<p>Ein neuer Blick auf die Gesellschaft tat sich auf: Was sind die Orte, an denen sich Menschen trotz ihrer Unterschiede begegnen? Was teilen sie alle mit einander? Welche öffentlichen Räume sind für alle zugänglich? Gibt es so etwas wie ein gemeinsames Erbe, das alle mit einander teilen, trotz ihrer Unterschiedlichkeit? Was ist diese Schnittmenge, die verschiedenste Identitäten überbrücken und verbinden kann? Was bringt Menschen trotz ihrer Verschiedenartigkeit, ja Gegensätzlichkeit, zusammen?</p>
<p>Am Ende vieler Workshops, Gespräche und Explorationen stand das Konzept des &#8222;Composite Heritage for Peace, Harmony and Democracy&#8220;. Darin bildet sich ein Verständnis eines gemeinsamen, zusammengesetzten Erbes ab, das in einer Gesellschaft vorhanden ist und das in Richtung auf Frieden, Harmonie und Demokratie in einer Gesellschaft wirken kann. Im Detail führt dieses Konzept dazu, in einem gegebenen Kontext das kulturell Gemeinsame herauszuarbeiten. Denn dieses kann unterschiedliche Identitäten mit einander verknüpfen ohne dass diese ihre Einzigartigkeit und Verschiedenartigkeit aufgeben müssen.</p>
<h4>Immun machen gegen Aufwiegler</h4>
<p>Mit dem Konzept von „Composite Heritage“ setzen die Aktivisten in Indien seitdem dem sehr wirksamen Machtspiel, das „Identitäten“ gegeneinander ausspielt, etwas entgegen. Composite Heritage ist ein Ansatz, der genau diesen Punkt der Mobilisierung von Identitäten aufgreift. Damit halfen sie den Menschen zu verstehen, dass und wie Identität zustande kommt &#8211; quasi konstruiert wird. Damit konnten Betroffene in einem Konflikt durchschauen, wer denn da auf einmal Identitäten, die ihnen wichtig waren, gegen einander ausspielte. Einzelne und Gruppen lernten, Identität bewußt und positiv selber zu gestalten. So konnten sie das Zusammenleben mit unterschiedlichen Kulturen, Geschichten, Lebensformen und Lebensgewohnheiten, Religionen, Sprachen und Wirtschaftsweisen als Zukunftschance begreifen und leben. Und denjenigen eine Abfuhr erteilen, die ihnen weismachen wollten, dass nur ein bestimmtes Erbe ein gutes sei.</p>
<h4>Das Fremde im Eigenen, der ewige Wandel der eigenen Kultur</h4>
<p>Mit Composite Heritage konnten die Menschen überidies entdecken, dass das, was sie als das eigene kulturelle Erbe wahrgenommen hatten, sich lebendig aus dem Austausch und der Begegnung mit anderen Kulturen entwickelt. <strong>Diese Erkenntnis der gemeinsam geteilten Vielfalt nahm interessanter Weise dem &#8222;eigenen&#8220; Erbe nichts von seiner Identität stiftenden Kraft, im Gegenteil.</strong> Die Anerkennung dieser schlichten Erfahrung ermöglichte es vielmehr, das Anderssein von Anderen zu erkennen und als Beitrag in einer gelebten Beziehung zu würdigen. Dem war voraus gegangen, dass man das eigene vielfältige kulturelle Erbe erkannt und gewürdigt hatte.</p>
<p>Seit 15 Jahren ist das Institute for Social Democracy (ISD)  auf dem indischen Subkontinent mit Composite Heritage unterwegs. Es hat  viele Methoden und Formen entwickelt, um sehr unterschiedliche Adressaten für dieses Thema zu sensibilisieren. Am Ende erlebten sie sich nicht  länger als Getriebene. Sie hatten die Manipulation ihrer &#8222;nationalen&#8220;, &#8222;religiösen&#8220;, &#8222;gender&#8220; oder anderer Identitäten durchschaut.</p>
<h4>Composite Heritage in Konfliktkontexten</h4>
<p>Seit dem Beginn im Jahre 2005 habendas Institute for Social Democracy und befreundete Organisationen Composite Heritage in zahlreichen Kontexten in Südasien angewendet. Diese umfassten Situationen von massiven gewaltsamen Konflikten bis zu Konflikten ohne Gewaltanwendung. Es zeigte sich, dass es gelingen konnte, Menschen über Konfliktlinien hinweg wieder zusammenzubringen, und dass dabei Composite Heritage eine verbindende Rolle spielte.</p>
<p>Interessanterweise ist im US-amerikanischen und europäischen Raum im selben Zeitraum das Konzept der lokalen Friedenskapazitäten (Local Capacities for Peace, LCP) entstanden. Wie kompatibel beide Konzepte sind, fiel den Entwicklern bereits früh auf. Offenbar beschränkt sich die Wirkungsweise von Composite Heritage nicht nur auf einen bestimmten kulturellen Kontext.</p>
<p>Auch aus diesem Grund erscheint ein Transfer dieses Konzeptes aus dem spezifischen südasiatischen in den europäischen Kontext sinnvoll und möglich.</p>
<h4>Composite Heritage als Entdeckungsreise in die Bindungskraft der eigenen Kultur</h4>
<p>Ein Workshop in Composite Heritage ist eine Entdeckungsreise in eine ungewohnte Welt. Der Blick richtet sich auf die eigene Gesellschaft Was gibt es hier an kulturellen Gütern, die so selbstverständlich und gewohnt ist, dass sie in der Regel nicht wahrgenommen werden? Was ist der eigene Ort in dieser Gesellschaft? Das ermöglicht Distanz, aber auch das Erleben von Verbundenheit und ein genaueres Verstehen, wie tief eine kulturelle Prägung im einzelnen Menschen wirkt.</p>
<p>Die Schritte im Workshop bestehen daraus, zunächst ein Verständnis für das eigene gesellschaftliche Erbe zu entwickeln. Es ist nicht starr, sondern wandelt sich mal hier, mal da. Nimmt von anderen, gibt was vom Eigenen. Wenn dieser umfassende Prozess verstanden ist, richtet sich der Blick auf den Alltag. Denn im Alltag entfaltet das geteilte, gemeinsame und zusammengesetzte Erbe seine prägende Kraft.</p>
<h4>Die Gretchenfrage: Trennt oder verbindet Composite Heritage die Menschen?</h4>
<p>Im nächsten  Schritt wird die wichtige Unterscheidung in das positive und das negative gemeinsame Erbe eingeführt. Indien zum Beispiel ist nicht denkbar ohne das Kastensystem. Es ist ganz klar ein gemeinsam geteiltes Erbe, aber eines, das Menschen spaltet. Aber auch das geschieht nicht  &#8222;von selbst&#8220;, sondern ist das Ergebnis von Machteinflüssen. An dieser Stelle wird das Konzept von Composite Heritage hoch bristant. Denn es erlaubt, in einem gegebenen Kontext systematisch die Fragen nach Politik, Macht und Interesse zu stellen.</p>
<h4>Mit Composite Heritage Konflikte neu verstehen</h4>
<p>Am Anfang von Composite Heritage stand die Erfahrung von Gujarat! Das Konzept steht dafür, Konfliktsituationen so zu verstehen, dass am besten frühzeitige Interventionen möglich werden.  Wenn die gemeinsam geteilten Räume Zielscheiben für Angriffe werden, kann das ein wichtiges Frühwarnzeichen sein. Meistens ist dem schon eine Zeit voraus gegangen, in der Begegnungen geringer wurden. Wer da hellhörig geworden ist, hat gelernt, auf die Zeichen zu achten.</p>
<p>Aber auch, wenn Gewalt sichtbar geworden ist, kann Konfliktstoff wieder verringert werden, in dem das  gemeinsam geteilte Erbe bereichert, gestärkt und bewahrt werden kann.</p>
<h4>Mit Composite Heritage gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa und Deutschland stärken?</h4>
<p>Gesellschaftliche Spaltung und Ausgrenzung kennen wir vielfältig auch in Deutschland. Die Abwertung ganzer Bevölkerungsgruppen und ungeklärte Identitätsfragen werden in Europa und Deutschland zunehmend virulent. Es gibt viele Ansätze, die Antworten bieten. Deswegen ist die Frage berechtigt, was ein neuer Ansatz mehr zu bieten hat als das, was schon da ist.</p>
<p>Besonders beeindruckend ist die Wirkung, die Composite Heritage auf Menschen macht, die von Konflikten direkt betroffen sind. Sie entwickeln eine Haltung, die Unterschiede anerkennt und immun dagegen macht, sich gegen andere Bevölkerungsgruppen ausspielen zu lassen. Composite Heritage hilft, die Mobilisierung von Gruppen gegeneinander zu erkennen. Es gibt Hinweise, was präventiv, aber auch deeskalierend und heilend getan werden kann.</p>
<h4>Eine mit-menschliche Weise, Identität zu verstehen</h4>
<p>Die Frage nach der Identität ist bei Composite Heritage zentral. Es bietet es einen humanistischen, zutiefst menschlichen Ausgangspunkt, um die Frage zu stellen: Wie wird Identität konstruiert? Können selbst nationale Identitäten tolerant, d.h. ohne Rückgriff auf ausgrenzende Rhetorik und Feindbilder gestaltet werden? Composite Heritage packt diese Fragen an: Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Was gehört zu mir? Es ermuntert, selbst bestimmte Antworten zu finden, die andere Menschen achten und die Freiheit der Wahl der eigenen Identitäten anerkennen. Die Kraft der Kultur systematisch zu nutzen, um gesellschaftliche Konflikte strategisch anzupacken, das ist denn auch das Besondere am Composite Heritage-Ansatz.</p>
<p>Die Leiterin des indischen Instituts ISD Institute for Social Democracy, Frau Shruti Chaturvedi, ist bereit, einen möglichen Konzepttransfer in einem explorativen Workshop zu erkunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Literatur</em></p>
<p>Khurshid Anwar: Composite Heritage for Peace, Harmony and Democracy. Training Handbook for Trainers and Activists, New Delhi 2007.<br />
Shruti Chaturvedi: Composite Heritage. Concept Note, New Delhi 2016.<br />
Institute for Social Democracy, ISD Team: Our Journey for Peace, Harmony and Democracy, New Delhi 2016.</p>
<p>Die Autorin, Dr. Barbara Müller, Moderatorin, Coach und Friedens- und Konfliktforscherin, hat Composite Heritage als Co-Moderatorin von drei ASHA-Workshops (Advanced Social-Historical Analysis) miterlebt.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> <a href="https://www.isd.net.in">https://www.isd.net.in</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com/composite-heritage/">Composite Heritage &#8211; Das Fremde im Eigenen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.dr-barbara-mueller.com">Dr. Barbara Müller . Achtsam auf neuen Wegen</a>.</p>
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